Seelische Heilung beginnt mit der Erlaubnis zu trauernDieser Beitrag ist etwas anders als sonst, denn in diesen Zeilen möchte ich etwas Persönliches mit dir teilen. Verbunden damit ist die Hoffnung, dass du für dich etwas daraus mitnehmen kannst.

Nächste Woche jährt sich der Todestag meiner Schwester zum 2. Mal. Und im April jährte sich der Todestag meines Vaters zum 12. Mal. An manchen Tagen kann ich es immer noch nicht fassen, dass diese beiden Menschen nicht mehr in meinem Leben sind.

Es gibt kein Zurück

Das Ungeheuerliche des Todes ist seine Endgültigkeit. Wenn wir mit Verlusten in unserem Leben konfrontiert sind, haben wir keine Ahnung wie wir damit umgehen sollen. Es überfällt und überrollt uns. Es gibt dafür keine schlaue Anleitung, wie man in 5 Schritten trauert und dann wieder zum Alltag übergehen kann.

Früher war das Trauerjahr ein ganz bewusster Zeitraum. Man war schwarz angezogen und war in Trauer. Das gibt es heute kaum noch. Wir haben gar nicht die Zeit uns für solang aus unserem Leben auszuklinken. Es muss ja alles weiterlaufen. Die Familie, der Job, das Ehrenamt und was man sonst noch so für Hüte auf hat.

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Kummer braucht Raum

Doch Kummer lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad wegschieben. Er hat die Eigenschaft zu wachsen, wenn wir ihn nicht wahrhaben wollen und uns bei unpassendster Gelegenheit zu überschwemmen. Oft im wahrsten Sinne.

Mir ging es im ersten Jahr nach dem Tod meines Vaters oft so, dass ich im Auto saß und plötzlich weinen musste. Augenscheinlich aus heiterem Himmel. Es ging einfach los. Manchmal so heftig, dass ich nicht mehr in der Lage war weiterzufahren, sondern stehen bleiben musste.

Mich hat der Tod meines Vaters damals mehr als alles Bisherige von den Füßen gerissen. In der Rückschau hab ich fast 5 Jahre gebraucht, um damit wirklich zurecht zu kommen.

Mein damaliger Freund hat irgendwann mal zu mir gesagt: “Ich halte deine Dunkelheit nicht mehr aus.”

Das war hart zu hören, doch auch nicht zu verdenken. Es ist nicht einfach jemanden “auszuhalten” der so tiefen Kummer hat. Nicht, wenn das Leben weitergehen muss.

Oft reißt man sich deswegen zusammen. Es reicht ja schließlich auch irgendwann mit den Tränen und dann muss man ja auch wieder nach vorne sehen.

Ungewollte Veränderung

Doch unser Leben ist nach einem Verlust verändert. Unwiederbringlich verändert. Ob es der Verlust aufgrund eines Todesfalls ist oder weil man verlassen wurde. Auch der Verlust eines Arbeitsplatzes hat eine traumatische Auswirkung auf uns, ähnlich einer Scheidung.

Ein grundlegendes Element unseres Lebens ist weggebrochen und wir müssen nun lernen ohne diesen Pfeiler zu leben.

Ein Teil unserer Identität hat sich damit verändert. Einen Teil unseres Gedächtnisses können wir nicht mehr teilen. Es gibt dann diesen Menschen nicht mehr, der die kleinen Geschichten versteht, die man miteinander erlebt hat. All das ist in gewisser Weise verloren, weil es jetzt niemand mehr weiß außer mir.

Die Zeit für neue Erlebnisse und Menschen wird kommen, doch daran ist in dieser Phase noch kein Drandenken.

Trauer braucht Zeit

Einen Trauerprozess zu durchlaufen ist etwas sehr Heilsames. Es bringt Träne für Träne unsere Seele immer wieder in Kontakt und Verbindung. Bis sie irgendwann in der Lage ist, zu akzeptieren, dass es diese Verbindung im realen Leben nicht mehr gibt, sondern sie nur noch im eigenen Inneren existiert.

Wer diesen Prozess abkürzen oder gar überspringen will, wird erleben, dass sich Kummer als hartnäckig erweisen kann. Vielleicht spüren wir nicht mehr, dass es ungelebte Traurigkeit ist, wenn wir immer freudloser werden am Leben. Wenn wir erschöpft sind, obwohl doch alles gar nicht so anstrengend ist.

Nicht ausgedrückter Kummer sucht sich andere Ventile und kann in Verhaltensänderungen münden, die uns selbst nicht auffallen.

Niemand will den Tod zum Thema machen

Unsere gesellschaftliche Denke fördert das in gewissem Sinne. Über den Tod zu sprechen und ihn damit in unser Leben zu lassen, ist nichts, was gern gesehen wird.

Das Leistungsdenken unserer Zeit hat keinen Raum für eine über Monate verminderte Arbeitsleistung. Ein Trauerfall ist schon schlimm, doch wirklich beeinflussen sollte er dann auch wieder nichts.

Und so machen wir oft gute Miene zum bösen Spiel. Setzen mit der Zeit eine Maske auf, die nach außen zeigt, dass alles OK sei und wir schon wieder voll da sind. Doch im Inneren ist das ganz anders.

Verletzlich zeigen, traurig zeigen, hilflos zeigen ist etwas, das uns schwer fällt. Da es auch nicht gern gesehen wird.

Viele Menschen sind peinlich berührt, wenn sie mit Kummer von anderen konfrontiert sind. Wir tun uns insgesamt immer schwerer damit empathisch zu sein und dem anderen das Gefühl zu geben, dass er in seiner Verletzlichkeit angenommen ist.

Wenn wir es sind, die diesen Kummer haben, dann reden wir uns selbst ein, dass wir uns doch jetzt am Riemen reißen müssen und irgendwie geht’s dann auch weiter.

Mit der Zeit sind wir so gewohnt, dass wir aufkommenden Kummer wegschieben, dass es uns nicht mehr auffällt. Doch wie bereits oben geschrieben, hat diese Traurigkeit die Eigenschaft irgendwann hervorzubrechen.

In den Jahren damals, als mein Vater starb, kamen noch weitere für mich schlimme Gegebenheiten dazu. Weitere Verluste wenn man so will und ich glaube nicht, dass ich mich jemals in meinem Leben so sehr verlassen gefühlt hab wie zu der Zeit.

Gib dir die Erlaubnis zu trauern

Mir fiel es sehr schwer wieder auf die Beine zu kommen. Was besonders blöd ist, wenn man selbständig ist, da man selbst die einzige Person ist, an der alles hängt.

Was mir mit der Zeit geholfen hat – und das ist es auch, was ich dir heute mitgeben möchte – war die Erkenntnis, dass ich die Erlaubnis habe zu trauern.

Dass es dafür keine Regeln gibt und keinen Zeitplan. Dass ich die Erlaubnis habe zu trauern.

Dass ich nicht gleich wieder schauen muss, gut drauf zu sein und alles im Griff zu haben. Dass ich nicht gleich wieder weitermachen kann wie bisher und mein Business auch nicht weiter läuft wie bisher. Dass ich weinen darf, wenn ich so sehr traurig bin und dass es keine Schwäche ist zu trauern.

Der Weg aus der Dunkelheit führt über das Annehmen

Dieses Annehmen und Zulassen hat paradoxerweise den Weg geöffnet, dass Heilung geschehen konnte. Das wahrhaftige Anerkennen meines Kummers und dass ich ihn haben darf, war der erste Schritt aus der Dunkelheit.

Tiefer Kummer ist etwas anderes wie die unangenehmen Gefühle, über die wir viel in den letzten Beiträgen gesprochen haben. Diese sind das oft wechselnde Emotionswetter.

Kummer der aus großen Verlusten entsteht ist dagegen etwas sehr elementares und körperliches. Unser Leben ist verändert und das müssen wir erst lernen anzunehmen.

Wenn du auf dein Leben schaust, wird es dort bestimmt auch Verluste gegeben haben. Manche waren vielleicht nicht ganz so tiefgreifend und andere haben dein Leben dagegen sehr geprägt.

Frage dich, ob du mit deiner Trauer darüber wirklich durch bist. Ob du deinen Kummer wirklich gelebt und angenommen hast. Ob du dir selbst die Erlaubnis und die Zeit des Trauerns gegeben hast.

Solltest du spüren, dass jetzt Tränen in dir aufsteigen, lass sie fließen. Lass es einfach geschehen, dass da etwas in dir noch nicht fertig ist. Noch nicht ganz losgelassen hat, noch nicht im Frieden ist.

Unsere Seele heilt langsam

Seelische Heilung vollzieht sich selten auf einmal. Es ist wie ein Puzzle bei dem sich nach und nach immer wieder ein Stückchen findet. Diesem Prozess müssen wir Raum geben und in gewisser Art Ehre erweisen. Denn Trauer ist etwas zutiefst Menschliches. Es zeigt die starke Verbindung an, die wir mit Menschen hatten und das gilt es anzuerkennen.

Daher nimm dir Zeit, um nachzuspüren. Denke an deine Verluste und gib dir die Erlaubnis zu trauern. Lass die Tränen ihr reinigendes Werk tun und geh achtsam mit dir um.

Es kann dein Leben, das du jetzt führst, erhellen, wenn du dir die Dunkelheit deiner Verluste ansiehst.

Jahre später, wenn ich in einem Moment diesen Kummer wieder gespürt habe, waren die Tränen genauso wieder da. Doch nicht mehr mit dieser tiefen Verzweiflung, eher vergleichbar mit einem Sehnen nach dem was einmal war.

In gewisser Weise bleiben wir wohl mit allen Menschen verbunden, die uns im Innersten berührt haben, ob sie noch leben oder nicht mehr unter uns weilen. Das ist für mich vollkommen in Ordnung.

Auch wenn wir Verluste erleiden, die nicht von uns gewollt waren, wird das Leben weitergehen und wir haben die Erlaubnis zu trauern. Das wird dir helfen zu heilen.

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