Kreativität braucht Chaos?? Wieso das Bullshit ist und warum dich Ordnung kreativ macht

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Kreativität braucht Chaos. Schon mal gehört diesen Satz? Oder kreativ sein kann man am besten wenn ein Haufen Zeug rumliegt? Es gibt viele solcher Gedankenansätze und sie werden kaum in Frage gestellt. Nur, stimmt das tatsächlich? Braucht man Chaos um kreativ sein zu können?

Das ist eine gute Frage. Ich möchte dazu die Gegenthese aufstellen:

Ordnung verhilft dir zu Kreativität.

Bildquelle: pixabay

Um das schlüssig zu erläutern, braucht es erst einmal eine grundlegende Definition: Was ist Chaos?

Wenn wir diesen Raum als Beispiel nehmen, dann ist das in meinem Sinn ein chaotisches Zimmer. Das Durcheinander an verschiedensten Dingen löst körperlich spürbare Unruhe aus.

Gleiches gilt für dieses Büro und Schreibtisch. Ein chaotisches Umfeld. Es sind tausend Kleinigkeiten, die überall herumfliegen gemischt mit größeren Dingen.

Ein Durcheinander, in dem keine Klarheit besteht, was dort alles enthalten ist. Möglicherweise ticken in dem Papierkram einige “Zeitbomben”, doch da kein Überblick besteht, gibt es auch keine Chance sie rechtzeitig zu entschärfen.

Was bedeutet kreativ sein?

Kreativ sein bedeutet keineswegs nur künstlerische Ambitionen auszuleben, nein, auch Lösungen für schwierige und komplexe Projekte zu entwickeln ist ein kreativer Vorgang.

Kreativ sein bedeutet auch, aus begrenzten Dingen etwas zu schaffen. Neue Verbindungen herzustellen, die nicht gewöhnlich und alltäglich sind.

Welches Umfeld braucht Kreativität?

Richtigerweise hilft es, wenn es Anregungen gibt in Form von Sachen, die man für die Lösung verwenden könnte. Wenn es Papiere und Muster gibt, die eine Auswahl an Möglichkeiten aufzeigen, wie man etwas machen könnte.

Eine vollkommene leere und cleane Umgebung kann es in der Tat schwieriger machen Verbindungen zu schaffen, da die prompts fehlen. Das Anstuppsen durch Dinge, die man vor der Nase hat.

Also was nun? Dinge um einen herum oder nicht?

Die Antwort darauf lautet: Es kommt darauf an. Darauf nämlich, wie sich die Dinge auf einen auswirken, die man um sich hat.

Was macht Chaos zu Chaos?

Was das Chaos zu Chaos macht, ist das überwältigende und überfordernde Gefühl, das damit verbunden ist.

Wenn es schlicht zu viel ist, was einen umgibt, dann ist es schon die Menge, die es Chaos sein lässt und nicht eine wohltuende Fülle an Anregungen.

Ein Beispiel aus der Praxis

Wenn ich an das frühere Schneideratelier meines Vaters denke, dann sehe ich dort auch jede Menge Sachen vor mir. Doch aufgrund des kleinen Raumes, gab es in allen Dingen eine sinnvolle Ordnung. Der Schneidertisch mit seinen vielen Schüben und Türen verbarg in jedem Fach eine ganz bestimmte Sache.

In einer Schublade waren die Scheren mit Zubehör versammelt. In einem anderen gab es nur Knöpfe und Gürtelschnallen. In einem anderen wiederum waren Fäden in allen Farben versammelt. Doch auch hier wieder in einer Ordnung von dickeren Fadenstärken zu dünneren und hellen Farben zu dunklen.

Die verschiedenen Stoffe waren in Kisten gelagert, die in sich ebenfalls geordnet waren. Stoffmusterkästen waren ein Inbegriff von kreativer Ordnung wenn man so will.

Die einzelnen Stoffmuster waren auf Kartons aufgebracht und nach Farben angeordnet. Es war ein Schwelgen in Mustern, Qualitäten der Stoffe und Kuscheligkeits- bzw. Kratzfaktor (:

Bei seiner Arbeit an einem neuen Schnitt – vorzugsweise für einen Anzug oder ein Kostüm – holte er viele dieser Dinge heraus und ordnete sie vor sich an.

Er legte verschiedene Stoffe übereinander, experimentierte mit Farben und Mustern und je klarer das Bild für ihn wurde, umso mehr reduzierte er seine Auswahl wieder. Bis schlussendlich das für ihn Perfekte übrig blieb.

Eine natürliche Art aus Ordnung heraus kreativ zu sein

Ich beschreibe dieses Beispiel deswegen, weil es bereits eine Art Kunst ist, aus Ordnung heraus kreativ zu arbeiten. Nach Abschluss seines Tagwerkes wurde alles wieder penibel dorthin gelegt, wo es seinen Platz hatte.

Und es hatte alles seinen Platz. Nichts lag heute hier und morgen dort. Für ihn war es eine ganz natürlich Art zu arbeiten. So wusste er immer, wo etwas zu finden war und er konnte aus seiner geordneten Fülle heraus kreativ werden.

Es sah zwischendurch auch bei ihm wie Kraut und Rüben aus. Immer wenn er gerade dabei war, ein Muster auf die Puppe zu stecken und noch nicht genau entschieden hatte, wie sich der Schnitt entwickeln würde, wo welcher Stoff zum Einsatz kommen würde.

Da lag das Schnittpapier herum, Teile davon im ganzen Raum verteilt. Hier drei Stecknadelkissen, dort zwei Scheren, heraus genommene Stoffmuster, Nesselstoff der zum Testen angeschnitten wurde usw.

Kreativ sein braucht Ebbe und Flut

Doch dieses “kreative Chaos” entstand während des Schaffensprozesses und es war wie die Flut des Meeres. Am Ende des Tages wurde, wie schon geschrieben, alles was nicht mehr benötigt wurde, an seinen Platz gebracht.

Es war wie die Gezeiten: Nach der Flut kam die Ebbe und es leerte sich der Raum. Das Chaos wich zurück und Ordnung zog wieder ein.

Dieses Abwechseln ist etwas, was viele kreative Schaffende kennen. Diese Gezeiten zwischen kunterbuntem Durcheinander und klarem Minimalismus.

Ordnung kann gedankliche Hindernisse beseitigen

Wenn mein Papa nicht weiter kam, dann macht er immer eine kreative Schaffenspause – wie er das nannte – und brachte den Raum wieder in Ordnung.

Das helfe ihm zu klären, wo er hinwolle mit dem Schneiderstück, sagte er dazu. Es war wie ein Rhythmus in dem er kreativ war. Er schuf Flut und Ebbe.

Rhythmus ist unser Leben

Unser Leben funktioniert in vielerlei Hinsicht in Rhythmen. Unser ganzer Körper funktioniert in Rhythmen. Angefangen vom Herzschlag über die Atmung, das Blinzeln und vieles, vieles mehr.

Diese ganz natürliche Abfolge von Anspannung und Entspannung ist etwas was ursächlich zu unserem Leben gehört. Es ist das, was unser Leben ausmacht.

Das auf Lebensbereiche zu übertragen, die man bisher nicht unter diesem Gesichtspunkt betrachtet hat, kann unglaublich viel Ruhe in das eigene Leben bringen.

Rhythmus hat ZWEI Seiten und nicht nur eine Richtung

In unserer schnelllebigen Zeit übersehen wir oft, dass es beide Seiten braucht.

Wir können nicht nur immer auf hektisch machen und ranklotzen was das Zeug hält.

Wir können nicht nur hochkonzentriert arbeiten ohne Pausen zu machen.

Wir können nicht nur Zeug irgendwo hinlegen und davon ausgehen, dass wir wieder alles finden.

Denn das funktioniert nicht. Wir brauchen immer den Gegenpol. Die Gezeiten sind Flut und Ebbe. Nicht nur Flut. Doch wir leben oft in einem “Nur-Flut-Zustand”

Auch schon erschöpft?

Überflutung ist dann der Fall, wenn es uns Abends auf der Couch den Stecker zieht und wir direkt nach der Tagesschau und den ersten 10 Minuten des Abendfilms einschlafen.

Überflutung ist auch der Fall, wenn wir vollkommen überfordert vom Chaos mittendrin sitzen und nichts mehr zustande bringen, weil wir keine Ahnung haben, wo wir anfangen sollen.

Wir sind natürliche Wesen. Wir funktionieren körperlich in Rhythmen. In gemäßigten Rhythmen. In Rhythmen die nicht vollkommen übertrieben sind. Die sich rechtzeitig in ihr Gegenteil verwandeln.

Dauer-Flut führt zum Ertrinken

Lassen wir es also immer wieder zu, dass wir nur Dinge auftürmen, uns aber keine Zeit nehmen, sie wieder in ihre Ordnung zu bringen, dann leben wir gegen diese Rhythmen. Dann produzieren wir nur noch Flut.

In diesen Dauer-Flut-Zuständen ist es nahezu unmöglich kreativ zu sein. Lösungen zu finden, Konflikte zu klären, Projekte zu entwickeln.

Kreativität speist sich aus Rhythmen. Es stimmt, dass es oft zu interessanten Lösungen kommt, wenn Zeug zur Anregung zur Verfügung steht. Wenn allerdings noch Chaos um einen herum dazukommt, wird es schon schwieriger.

Nicht umsonst sucht man nach Möglichkeiten sich zurückzuziehen, wenn man über etwas Anspruchsvolles nachdenken möchte. Es ist ein ganz natürlicher Drang, Ablenkungen auszuschalten um die eigene Kreativität besser entfalten zu können.

Doch nicht jeder Mensch ist gleich, mag da jetzt der eine oder andere einwenden. Das ist richtig. Daher gibt es auch persönliche Unterschiede, wann es für deinen zu viel Flut ist und wann es dann noch Spielraum gibt.

Studien sagen inzwischen auch, dass eine gewisse Menge an Unordnung uns kreativer machen kann. Betonung liegt hier auf “eine gewisse Menge” womit wir wieder bei unserer Analogie der Flut angelangt sind.

So wie es verschiedene Vorlieben gibt nach einem scharfen oder eher sanften Essen, gibt es das natürlich auch hier.

Allerdings ist das keine Einladung zur Schlamperei. Genauso wenig wie es hier um die Empfehlung geht nach einer vollkommenen Leere um sich herum und penibel sein.

Was ist dein guter Pegel?

Die Dosis macht das Gift. Und das richtige Maß ist die richtige Wahl. Daher ist die große Frage, wo befindet sich dein Maß? Welche Flut kannst du noch tolerieren bevor es in Überforderung umschlägt?

Wann ist es für dich einfach zu viel Zeug um dich herum, so dass du dich nicht mehr konzentrieren kannst? Nimm dir die Zeit das herauszufinden.

Wer kreativ sein möchte, sollte seine Umgebung nicht unterschätzen. Denn wie wir inzwischen immer wieder festgestellt haben, hat sie viel mehr Einfluss auf uns, als wir denken.

Wer die Möglichkeit hat, eine kreative Ecke für sich einzurichten, kann damit experimentieren, welchen Grad an Ordnung er als hilfreich empfindet um sich kreativ entfalten zu können.

Wie du deine Umgebung fühlst ist der Schlüssel

Es gibt ihn, den Unterschied zwischen Chaos und Chaos. Das Entscheidende dabei ist immer die Wirkung auf uns. Wenn ein Durcheinander anregend wirkt und uns dazu bringt Geistesblitze zu produzieren, dann ist es das richtige Maß an Flut.

Wenn ein Durcheinander dagegen lähmend wirkt und unser Kopf nahezu abschaltet, weil er gar nicht weiß, was er zuerst denken soll, dann ist es an der Zeit auf Ebbe umzuschalten und erst einmal klar Schiff zu machen.

Dieses klar Schiff machen kann der beste Kreativitätsschub sein, den wir uns nur wünschen können.

Sein Schneidertisch ist nun mein Schneidertisch

Mein Vater ist nun inzwischen schon viele Jahre tot. Sein Schneidertisch steht seit dem bei mir in meinem Büro. Er ist zum Teil immer noch angefüllt mit seinen Dingen. Genauso geordnet wie schon vor 60 Jahren.

Auch die Kästen mit den Stoffmustern habe ich noch. Sie sind noch genauso, wie sie vor einem halben Jahrhundert verwendet wurden.

Ein Schneidertisch ist naturgemäß sehr groß und tief. Das heißt viel Platz um dort etwas zu tun oder auch Fläche auf der etwas abgelegt wird. Und genau das passiert auch immer wieder. Wenn ich an einem Projekt dran bin und Platz brauche, dann breite ich mich dort auf dem Schneidertisch aus.

Zu solchen Zeiten sieht das ganz schön chaotisch aus und wenn es zu viel wird, dann braucht es eine Ordnungs-Pause. Dann heißt es wieder Ebbe schaffen, Dinge ordnen, Platz machen, Leere schaffen.

Kreativität und ihre Phasen

Bevor ich das Zimmer abends verlasse, mache ich ebenfalls immer eine letzte Ordnungsrunde. Es ist wie ein Abschließen des Tages, dieser Phase im Projekt, ein kurzes Innehalten und den Prozess betrachten. Wie ein Maler abends seine Pinsel auswäscht und seine Tuben zuschraubt.

Auch diese Phasen gehören zur Kreativität. Das Wahrnehmen des Fortschritts, oder auch des Stillstands. Einen Schritt zurücktreten und schauen.

Wer dazu zusätzlich die Umgebung bereinigt, von allem was zu viel ist und nicht mehr benötigt wird, schafft damit einen neuen Raum für Kreativität.

Lass Kreativität wachsen, in dem du ihr Raum gibst. Beseitige das Chaos, das dich überfordert und lähmt. Du wirst sehen, wie sich dein Geist entfalten kann. Finde dein Maß an Ebbe und Flut. Lebe in diesen Rhythmen und nicht gegen sie.

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