Wissensvermittlung ist Einstellungssache

Wissen - klein.jpgHeute bin ich auf verschiedene Artikel von Reinhard Kahl gestoßen. Er spricht von einem nötigen Paradigmenwechsel im Bereich des Lehrens und Lernen. Hier einige Auszüge aus:

Und noch immer, man glaubt es ja kaum, werden Erstsemester in deutschen Hochschulen, zumal in den sogenannten harten Fächern der
Ingenieurwissenschaften oder auch in Jura von ihren Professoren damit begrüßt:
Die Hälfte von Ihnen, meine Damen und Herren ist hier falsch. Nicht nur weil der Hörsaal überfüllt ist. Sie gehören einfach nicht hierher. Spätestens bei der Zwischenprüfung werden Sie es spüren.“ Das sind Sprüche in einem Land, das im Vergleich zu anderen Industriestaaten die niedrigste Quote von Studierenden hat und nur bei den Studienabbrechern Weltmeister ist.

Ich persönlich finde das sehr erschreckend und weiß aus persönlichen Berichten, dass das beileibe kein Einzelfall ist. Diese Aussage zeugt von einer tief verwurzelten misanthropischen Einstellung. Ein Misanthrop ist ja ein Menschenhasser, jemand der andere als nicht würdig empfindet, mit ihm zu leben. Woher kommt dieses Denken nur?
Noch eine Ausführung aus dem Essay von Reinhard Kahl:

Eine Diagnose des Max-Planck-Direktors [Jürgen Baumert, federführend bei der ersten Pisa-Studie]. Er sagt: „Wir haben in Deutschland die homogensten Lerngruppen der Welt. Trotzdem ist die Klage der Lehrer über zu große Heterogenität bei uns so groß wie in keinem anderen Land.“
Glaubt man also erst mal daran, die Schüler müssten zum Unterricht passen – und nicht der Unterricht zu den Schülern –, dann unterrichten Lehrer ihre Fächer statt Schüler, dann ist aus der Spirale, nach der die Schüler ihre Lehrer stören, kaum noch herauszukommen.

Was tun? In seinem Artikel schreibt Kahl auch über die Erfolgsrezepte der Schulen, die den deutschen Schulpreis erhalten haben:

In der Max-Brauer-Schule, einer Gesamtschule von der Vorschule bis zum Abitur, die bei Pisa bestens abschnitt, hat eine Lehrergruppe über Jahre ihre „Traumschule“ konzipiert und vor zwei Jahren die Schulkonferenz hinter sich gebracht.

Jetzt wurden für die Schüler der fünften Klassen Lernbüros eingerichtet, in denen jeder morgens an etwas anderem arbeitet: Mathe, Schreiben, Lesen. Die Lehrpläne wurden in „Kompetenzraster“ umformuliert. Darüber sprechen die Lehrer teaching by walking around mit ihren Schülern und sagen stolz: Nie mehr Dompteur sein!

Die Fächer wurden abgeschafft. Neben Lernbüros gibt es Projekte zum Beispiel in Naturwissenschaften. Eine dritte Säule dieser von den Lehrern neu entworfenen Schule sind Werkstätten, vor allem für die ehemals musischen Fächer, auch für Computer oder Gartenbau.

Was das nun alles in einem Blog über Wissensmanagement und Organisationsentwicklung zu suchen hat? Nun, auch Unternehmen sind Lehr- und Lerneinrichtungen par excellence. Jeden Tag gilt es Projekte, Aufgaben und unverhoffte Situationen zu bewältigen, nicht die gleichen Fehler wie zuvor zu machen und mit neuen Ideen innovativ zu wachsen.

Häufig ist z. B. die Lehrlingsausbildung in vielen Betrieben immer noch eine harte Schule. Wieso ist das so? Muss es denn wirklich immer so hart sein, zu lernen?

Einen völlig anderen Weg geht zum Beispiel die Drogeriekette dm. Sie setzt auf Erlebnis Ausbildung und hat dazu das Projekt LidA (Lernen in der Arbeit) ins Leben gerufen. Es fußt auf dem Grundgedanken des entdeckenden Lernens und hat mir viel Eigenverantwortung und selbständigem Entscheiden zu tun.

Ein weiterer Bestandteil des Ausbildungskonzeptes ist das Abenteuer Kultur. Dieser Baustein zählt zur Persönlichkeitsentwicklung. Die “Lernlinge”, wie sie bei dm genannt werden, können innerhalb ihrer Ausbildungszeit 2x an Theaterworkshops teilnehmen, die jeweils 8 Tage dauern. Sie lernen sich auszudrücken, mit Lampenfieber umzugehen, sich neuen Situationen zu stellen und aus sich herauszugehen. Es ist eine Entdeckungsreise auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Lassen Sie sich inspirieren von den Möglichkeiten und brechen Sie aus den engen Gedankenkorsetts des alten Systems aus. Die verschiedenen Artikel finden Sie hier:

  • Hunger nach Anerkennung – Reinhard Kahl
  • Schulpreis 2006 – Reinhard Kahl
  • Die Einzigartikeit jedes Schülers – Reinhard Kahl

Wie steht es denn bei Ihnen im Unternehmen mit dem Abenteuer Lernen? Ist es harte Schule (nicht nur im Ausbildungsbereich) oder ist es tatsächlich ein Abenteuer, das einen begeistert und motiviert?

Vielleicht auch eine Anregung unter diesem Aspekt das Jahr 2007 zu betrachten, wie lernen und wachsen wieder etwas werden kann, das Spaß macht und ansteckt. Was würden Sie dazu als erstes umsetzen? Lassen Sie uns Ihre Ideen wissen, ich freue mich über jeden Kommentar dazu.

3 Replies to “Wissensvermittlung ist Einstellungssache”

  1. Ich kann die Existenz dieser unerträglichen Sprüche aus meiner Studienzeit (Maschinenbau) nur bestätigen. Wir hatten an der TH Darmstadt einen Professor für Strömungslehre namens Spurk. Er sagte einmal während einer Vorlesung im Audimax:

    “Merken Sie sich eins: Sie werden in Darmstadt nicht Diplom-Ingenieur, ohne von mir in Strömungslehre geprüft worden zu sein. Sie haben also exakt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie wechseln die Hochschule oder Sie beten, dass ich sterbe.”

    Womit bewiesen wäre, dass ein akademischer Grad nicht wirklich etwas über die Intelligenz eines Menschen aussagt. Oder wie Hanns Eisler sagt:

    “Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch von Musik nichts.”

    Guten Rutsch!
    Stephan List

  2. Na, Sie Armer…. Ich bin von sowas relativ verschont geblieben. Und wenn dann hab ich meistens kräftig zurückgegeben und die Lehrer gefragt, was das jetzt für einen Nutzen haben soll. War wahrscheinlich schon früh abzusehen, dass ich mal Beraterin werde *prust*

    Ebenfalls viel Spaß beim Rüberrutschen!

  3. Ich habe im Laufe meines Studiums einen Gegenentwurf kennengelernt, der mir unvergesslich ist:

    “Lass dich nicht von der Uni ausbeuten – beute die Uni aus”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*