Bowling alone – Das Phänomen des sich selbst isolierenden Menschens

bowling.jpgGerade habe ich mir den letzten Teil der Serie Z wie Zukunft von 3sat angesehen. Das Thema war “Die Zukunft unserer Zivilgesellschaft”.

Die Dokumentation hat mich von Anfang gefesselt wie auch erschüttert. Die Tendenz in unserer Gesellschaft geht zu einem sich selbst isolierenden Menschen. Dafür wurde bereits inzwischen ein Begriff geprägt: Bowling alone

Bildquelle: 3sat

Immer mehr Menschen machen vieles für sich allein, haben immer weniger Freunde und zeigen kein bürgerliches Engagement mehr z. B. im Sinne von Ehrenamt. Wie in vielen wirtschaftlichen Entwicklungen ist auch hier Japan der absolute Vorreiter. Vor allem Jugendliche sind dort betroffen die ein gestörtes bis kein Sozialleben mehr haben, was bis dahin führt, dass sie das Haus nicht mehr verlassen.

Doch wir brauchen uns keineswegs zurücklehnen, denn auch in Europa nimmt das soziale Kapital immer mehr ab. Die wirtschaftliche Anschauung führt zu einem Streben nach Erfolg, das allzu häufig die Gemeinschaft aus dem Blick verliert. Wer einmal aus dem Tritt gerät, kommt schnell unter die Räder und verliert oftmals als erstes sein so vermeintlich stabiles soziales Netz. Man könnte fast meinen, dass so etwas wie Arbeitslosigkeit ansteckend ist, um es einmal überspitzt zu formulieren.

Und wer in der täglichen Tretmühle steckt, seine Reputation ausbauen und damit seine wirtschaftlichen Erfolgschancen, hat immer öfter keinen Nerv sich mit Menschen zu beschäftigen die nicht mithalten können.

Doch wo wird uns das hinführen?

Inzwischen stehen psychische Erkrankungen an oberster Stelle der Gründe für Berufsunfähigkeit. Sollte uns das nicht zu denken geben? Sind wir zu beschäftigt um füreinander dazusein? Es ist nachgewiesenermaßen leichter sich seine psychische Stabilität zu bewahren, wenn ein stabiles soziales Netz besteht. Dieses kann einiges von dem psychischen Druck, der auf uns im Arbeitsleben lastet, auffangen.

Doch was, wenn dieses Netz immer mehr Lücken aufweist? Meist macht man sich erst dann Gedanken über dieses Thema, wenn man darauf angewiesen ist. Quasi nach dem alten Sprichwort “in der Not kennst du deine Freunde”. Und wenn’s dann soweit ist und man steht allein da? Dann kann es ganz schön eng werden.

In letzter Zeit führe ich immer wieder Gespräche, die um dieses Thema kreisen. Man stellt irgendwann fest, dass der Freundeskreis immer kleiner wird. Die Gemeinschaft um einen herum weniger und weniger wird. Häufig wird dann die Frage nach dem Warum gestellt. Ich frag dann meistens zurück: “Was machst du denn dafür, dass es sich ändert?” Die Antworten darauf lassen sich kurz gesagt verdichten zu “hab zuwenig Zeit, was soll ich noch alles tun, hab soviel am Hals usw.”

Tja, da war sie wieder die fehlende Zeit. Oder besser gesagt, Zeit ist ja immer gleich viel vorhanden, sie wird nur anderweitig verwendet. Oder noch anders gesagt, bei meiner Entscheidung sie zu verwenden werden andere Interessen als das soziale Kapital höher gewichtet. Man könnte nun einwenden, dass es ja Sachzwänge gibt, Situationen die man halt nicht beeinflussen könnte usw. Nun gut, wer so denkt, entscheidet sich häufig dafür wirtschaftlichen Erfolg (dazu gehört auch Anerkennungserfolg) über die Stärkung von sozialen Bindungen zu stellen, denn Sachzwänge gibt es nicht.

Mir ist bewusst, dass ich mich damit weit aus dem Fenster lehne, doch wenn ich Sie aufrütteln kann darüber nachzudenken, dann hat es sich schon gelohnt.

Denn wer starke soziale Bindungen hat, ist belastbarer und schafft es konfliktreiche Situationen besser zu bewältigen. Die eigene Identität wird durch das Miteinander gefördert und nicht verwässert. Und das fördert die Fähigkeit für sich selbst und andere einzustehen.

Die meisten LeserInnen kennen meine Vorlieben für Fragen. Ich hätte hier wieder ein paar für Sie und bin schon neugierig auf Ihre Antworten. Gern als Kommentar.

Was investieren Sie konkret in Ihr Sozialkapital?

  • Welche Kontakte pflegen Sie regelmäßig?
  • Welche Ehrenämter üben Sie aus oder welche Bereiche würden Sie dazu interessieren?

Wieviel Zeit wenden Sie für die Stabilisierung Ihrer sozialer Bindungen auf?

  • Treffen Sie sich wöchentlich oder monatlich mit Ihrem Freundeskreis?
  • Planen Sie Unternehmungen, Tagesausflüge, Feiern o.ä. regelmäßig mit Ihrem Freundeskreis?
  • Nehmen Sie sich Zeit für intensive Gespräch in Ihrer Partnerschaft?
  • Wissen Sie wem aus Ihrem Freundeskreis es gut geht und wem weniger?

Wenn Sie Mitarbeiter haben:

  • Wie fördern Sie das soziale Engagement in Ihrem Unternehmen?
  • Was können Sie ab sofort tun, um innerhalb der Firma das soziale Gefüge als stabiles Netz zu etablieren?

10 Replies to “Bowling alone – Das Phänomen des sich selbst isolierenden Menschens”

  1. Wieviel Zeit verbringe ich mit meiner (Herkunfts-)Familie? Auch wenn es bedeutet, viel Zeit auf der Straße zu verbringen und einen anderen Preis in der jetzigen Wohn- und Lebenssituation zu zahlen?
    Gibt es Alternativen dazu, jedes Wochenende “auf Achse” zu sein? Was investiere ich in Kontakt-Gelegenheiten? Wo ist dieser Preis zu hoch – und ich merke es vielleicht noch gar nicht? Ist ein Telefonat mit Geschwistern oder Eltern oder Freunden ein stabiler sozialer Kontakt? Welche Freunde sind Freunde, wenn der Kontakt immer nur von meiner Seite ausgeht?

    Jede Menge Sprengstoff! Brisantes Thema, genauso wie die demographische Vergreisung. Es schwelt im Untergrund und alle schauen weg. Unbequeme Fragen.

  2. Guter Artikel… Danke! Und ich fühl mich ertappt. Kann mich zwar um die Menge meiner sozialen Kontakte nicht beschweren aber um sie aufrecht zu erhalten, tue ich nicht immer genug. Nur gut, dass meine Freunde da nicht so faul sind. Dafür bin ich ihnen dankbar.

    Aber dieses Thema ist auch wieder eine der vielen Folgen unserer Leistungsgesellschaft. Leider ist heutzutage ein wertvoller Mensch der, der am meisten leistet. Unser wirtschaftlich orientiertes Wertesystem macht uns kaputt.

  3. @Claudia
    Dass das unbequeme Fragen sind, ist wirklich wahr. Auch ich muss mir hier genauso an die Nase nehmen. Meine Mama ist inzwischen über 70 und ich frag mich manchmal auch, für was werd ich mir mehr dankbar sein: im Büro gesessen zu haben oder sie besucht zu haben….

    @Lars
    Danke für deine Gedanken. Vielleicht noch eine Idee von mir zum Thema “wertvoller Mensch = gleich viel leisten”. Ich für mich hab die Erfahrung gemacht, wenn ich mich bewusst wieder mehr dafür entscheide, für meinen Freundeskreis da zu sein, dass ich auch öfter nein sagen kann zu Projekten die mich definitiv komplett stressen würden. Also von daher hat es auch eine regulierende Wirkung für mich.
    Alexandra

  4. @administrator *gg*

    Liebe Alexandra!

    Grad gestern habe ich mein superwichtiges VIP-Projekt vertagt, weil eine Freundschaft wieder aktuell wird, die ich mir schon lange gewünscht habe 🙂
    Und ich bin mir dafür dankbar, dass ich gestern mit dieser Freundin bei Latte Macchiato in der Eisdiele gesessen bin!
    Manchmal ist es ganz einfach. Manchmal nicht.

    LG, Claudia

    P.S: das superwichtige VIP-Projekt hat mich dann wieder viel zu lange wach gehalten, so dass ich heute Augenringe habe *gähn* – tja, das ist die Währung, mit der man aufs Sozial-Konto einzahlt 😉

  5. Beitrag mit bedenkenswertem Inhalt. Besonders betroffen war ich von der Testfrage: “Wissen Sie, wem aus Ihrem Freundeskreis es gut geht und wem weniger?”

  6. Das ist eine Frage, die leider in unserer hektischen Zeit oft nicht gestellt wird. Erst wenn etwas passiert, was einen völlig betroffen macht, nimmt man diese Menschen erst wieder wirklich wahr.

  7. Pingback: Blick Log » “Bowling alone” in Winnenden

  8. Hallo.

    Aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeiten kann ich zwar berücksichtigen wie Sie dieses Thema wahrnehmen, aber für mich drückt das leider unser aller eigentliches Problem aus.

    Die Frage : “Was investieren Sie konkret in ihr Sozialkapital” veranschaulicht für mich sehr deutich wie viel die totale Ökonomisierung des Lebens bereits in uns zerstört hat.

    Denn….woher kommen die von ihnen angewandten Begriffe ?

    Richtig….aus der Welt der Finanzen und der Ökonomie.

    Inzwischen reden wir eben offensichtlich lieber nicht mehr über unsere Gefühle und Freundschaften, sondern wir investieren in Sozialkapital.

    Und unser “Sozialkapital” muss sich ja schließlich rechnen/lohnen, denn wir investieren ja nicht in Aktien von denen wir Verluste erwarten, oder ?

    Nein – unsere sozialen Kontakte sollen/müssen uns schließlich “stabilisieren”, damit wir noch belastbarer werden, noch effizienter, noch leistungsfähiger – bzw. damit wir eben den heutigen beruflichen Dauerstress noch einigermaßen “gesund” überstehen können.

    Dafür investieren wir heute in das Sozialkapital. Ansonsten bräuchten wir das Soziale vermutlich gar nicht mehr auf unserem Weg der Selbstverwirklichung inmitten eines hochtechnisierten Überlebensdschungels.

    Wie gesagt – ich denke ich kann ihnen ihre Wortwahl nicht übel nehmen.

    Aber für mich zeigt ihre Ausdrucks – und Wahrnehmungsweise nur einmal mehr, wie sehr es die neoliberalen Lakaien und Lobbyisten geschafft haben aus uns “Massenprinzen und Prinzessinnen” – bzw. aus uns ursprünglichen Menschen lauter Ich-AGs zu machen.

    Unser ganzes Denken ist vergiftet und vergiftet weiterhin uns selbst und den Rest der Welt.

    Mit freundlichen globalen Grüßen,

    Monsanto

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