Quintessenz – Gedanken zum Mitnehmen – Ausgabe 7 – I’m so tired of all this fear – Ich bin der Angst so müde

Diesmal bin ich an einer Textzeile hängen geblieben. I’m tired of all this fear – Ich bin der ganzen Angst müde. (Sie stammt von Snow Patrol / Eyes Open Song Headlights on Dark Roads. Ich persönlich find die ganze CD wunderbar und überaus hörenswert.)

Der Angst müde sein, das kenn ich sehr gut. Und ich denke, fast jeder von uns hat schon mal dieses Gefühl gehabt, nicht mehr weiter zu wissen und zu spüren, wie sich Panik breit macht. Langsam aufsteigt, den Herzschlag beschleunigt und einen immer hilfloser fühlen lässt.

Auch wenn ich nun schon seit über 13 Jahren selbständig bin, kenne ich diese Angst immer noch. Die Freiheit der eigenen Zeiteinteilung und Autonomie wird ein Stückweit dadurch beglichen, dass es keinen regelmäßigen Geldeingang gibt. Und immer wieder mal Lücken im Auftragseingang auftreten können. Nach meiner Erfahrung wird das unter Selbständigen nicht gern zum Thema gemacht. Viele geben anfangs eher flapsige, ausweichende Antworten auf die Frage nach dem eigenen Wohlbefinden. Es gibt immer noch eine große Scheu davor, diesem Thema Raum zu geben. Denn es besteht häufig die Furcht, nicht mehr „voll genommen“ zu werden, wenn man zugibt, dass man auch diese Existenzangst kennt.

Doch ich kann nur sagen, dass es für mich stets sehr wichtig war und ist, mich damit nicht zu verstecken, sondern darüber zu reden. Denn egal mit wem ich bis jetzt gesprochen habe, wie erfolgreich diese Menschen auch immer waren, stets habe ich in einem ehrlichen Gespräch gehört, dass auch sie dieses Gefühl kennen. Was einen manchmal völlig unerwartet anspringen kann. „Wie geht es weiter…..? Geht es weiter….? Wie soll ich das hinkriegen…..?“

Da es immer mehr Selbständige gibt und in den nächsten Jahren geben wird, ist es umso wichtiger, dieses Thema zu enttabuisieren. Und dem Selbständigendasein zwar nicht die Krone zu entreißen, jedoch davon ein realistisches Bild zu zeichnen. Denn ein gutes inneres Standing ist Voraussetzung eine Selbständigkeit erfolgreich aufzubauen und ohne auszubrennen viele Jahre lang mit Freude ausfüllen zu können. Dazu gehört Wissen darüber, dass es auch diese dunklen Phasen geben wird. Frühzeitig zu lernen, damit umzugehen, ist eine Fähigkeit die sich in vielen Bereichen des Lebens auszahlen wird.

Selbstverständlich ist eine gute Strategie, ein funktionierendes Marketing und ein gutes Produkt/Dienstleistung die Grundlage jedes erfolgreichen Business. Davon soll hier mal nicht die Rede sein, dann das wissen wir ja sowieso.

Lassen Sie uns doch mal verschiedene Möglichkeiten beleuchten, wie sich mit diesen Ängsten umgehen lässt. Angst hat die Eigenschaft, dass sie uns eher lähmt als in Bewegung setzt, dadurch im wahrsten Sinne Schranken setzt und uns im Denken fixiert. Angst fungiert oft wie eine Lupe, die das Betrachtete unendlich vergrößert. Die Gedanken kreisen meist um dieselben Katastrophenszenarien und die Gefühle folgen diesen Bildern.

Was tun?

Ich kann hier lediglich mit Ihnen mein Scheitern und meine Erfahrungen teilen. Doch möglicherweise sind ja hilfreiche Gedanken für Sie dabei.

Was für mich nicht funktioniert hat:

  • Mich anzutreiben und in wilden Aktionismus zu verfallen, denn ich muss ja was tun.
  • Mir Gedanken austreiben zu wollen unter dem Motto „jetzt stell dich nicht so an usw.“
  • Mich mit Menschen zu unterhalten, die dieses Gefühl eher wegwischen wollen mit einem „ach was, das wird schon wieder“

Was für mich funktioniert:

  • Annehmen was ist.

Da ich mich im Moment so fühle, wie ich mich fühle, bleibt mir erst mal gar nichts anderes übrig, als anzunehmen was ist. Ich spüre dem Gefühl nach, versuche es in meinem Körper zu lokalisieren und benenne es.

  • Liebevoll mit mir umgehen.

Das hört sich wahrscheinlich in einem Business-Kontext ziemlich „kuschelig“ an. Doch ich mein das völlig ernst. Für manche mag es funktionieren, wenn sie sich innerlich verbal die Keule drüber ziehen „jetzt mach schon….stell dich nicht so an…..du Weichei….lass dich nicht so hängen….“ Doch für mich haut das nicht hin. Und daher gehört es für mich zum Annehmen dazu, mir selbst das Gefühl zu geben, dass es in Ordnung ist, wenn ich im Moment Angst habe. Denn ich kann sie nun mal nicht wegzaubern. Und dazu gehört eben auch eine innerliche liebevolle Stimme. Der Kritiker darf ruhig mal Pause machen.

  • In Bewegung kommen.

Ängste haben die Eigenschaft uns bewegungsunfähig zu machen. Das ist schon an dem Sprichwort sichtbar „vor Angst gelähmt sein….erstarrt sein vor Angst“. Wir sind wie fixiert auf immer die gleiche Gedankenspirale, die zudem die Angewohnheit hat, sich selbst zu verstärken. Dies lässt sich durch Ergebnisse der Gehirnforschung erklären. Was des Öfteren gedacht wird, bahnt nun mal gewisse Muster.

Als Unterbrechung, neudeutsch separator, hilft in Bewegung zu kommen. Wie das Wetter auch grad sein mag, schnappen Sie sich Schuhe und Jacke und gehen nach draußen. Sich zu bewegen bringt Sie auch innerlich wieder in Bewegung. Am besten nehmen sich noch flotte Musik mit und schaffen sich dadurch einen zusätzlichen Unterbrecher. (BTW: sollte es grad mitten in der Nacht sein oder das mit Rausgehen aus sonst einem Grund nicht möglich sein, ist eine heiße Dusche oder Bad mein Ersatzmittel der Wahl….)

  • Reden.

In meinem Leben gibt es zum Glück Menschen die ich wegen jedem Sch… anrufen/ansprechen kann. Und das mache ich in solchen Situationen inzwischen auch. Hab eine ganze Weile gebraucht, mir das zuzugestehen und nicht immer mit allem allein fertig werden zu wollen. Doch ich weiß, dass da jemand gegenüber ist, der auch keine Lösung in dem Moment hat, sondern einfach nur zuhört. Mir das Gefühl gibt, dass ich in Ordnung bin, welche seltsamen Wege meine Gedanken auch grad nehmen. Das funktioniert natürlich auch umgekehrt. Wichtig ist das Gefühl, des angenommen werden, womit sich der Kreis zum Beginn schließt.

Das waren sie, die Eckpunkte meiner Strategie. Wenn ich schon mal soweit gediehen bin, kann ich meist auch wieder klarere Gedanken fassen. Sprich wieder ins Handeln kommen. Und dann greifen auch wieder Lösungstools und was es da eben nicht alles sonst noch so gibt.

Was mich interessiert ist, wie gehen Sie mit den dunklen Seiten der Selbständigkeit um? Mit dieser Existenzangst die sich immer mal wieder einschleichen kann. Vielleicht sind Sie ja auch davon verschont und können uns Ihr Rezept verraten. Wie auch immer das bei Ihnen ist, ich freu mich auf Ihre Anregungen und Erfahrungsberichte.

Bildquelle: Peter Reinäcker / Pixelio

9 Replies to “Quintessenz – Gedanken zum Mitnehmen – Ausgabe 7 – I’m so tired of all this fear – Ich bin der Angst so müde”

  1. Hallo,
    ich bin zwar Diplom-Psychologe und von daher auf diese Sichtweise abonniert aber vertrete hier mal einen anderen Standpunkt.
    Gegen die Angst in der Selbständigkeit hilft nach etlichen Jahren vor allem eines: stabile Einnahmen und genügend Kunden.
    Da ich mich viel mit Marketing, Werbung für mein eigenes Geschäft (Therapie und Persönlichkeitsseminare) beschäftigt habe, ein paar Anregungen für Ihren Auftritt:
    1. Ich finde, Sie sind zu breit aufgestellt und sollten sich eine Nische suchen, in der Sie dann Spitze werden.
    2. Was Sie anbieten, erschließt sich mir nicht, obwohl ich jetzt einiges hier gelesen haben. Sie könnten einen “Elevator Pitch” formulieren oder wie in der Sendung mit der Maus Ihre Arbeit so erklären, dass es ein Fünfjähriger versteht.
    3. Ich habe den eindruck, Sie wenden sich an Interessenten, die schon wissen, das Sie sowas brauchen. Sie könnten sich aber auch an dier Mehrzahl der Leser wenden, die noch nicht wissen, dass Sie Ihr Angebot brauchen. Dazu müssen Sie es kürzer und griffiger formulieren.
    4. Ihr Foto taugt dafür nichts. Für meinen Geschmack wirken Sie da zu zaghaft.
    5. Ich würde nicht das ganze Angebot in den Blog packen, sondern auf jeden Fall eine eigene Website machen (oder haben Sie die und ich fand sie nicht?). Das Blog ist für die meisten Leser zu unseriös.

    Ich hoffe, sie nehmen mir die ungefragten Tipps nicht übel. Nichts für ungut, also.
    Schönen Gruß

  2. Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    na das nenn ich mal einen Rundumschlag 🙂 Ihre Hinweise sind sehr griffig formuliert und decken die ganze Bandbreite ab.

    Vielleicht als kurze Randinfo dazu: Mein Blog soll ruhig die ganze Bandbreite abdecken und hat auch keinen superseriösen, konzentrierten Business-Anspruch. Kundenakquise läuft bei meinen Themen in den meisten Fällen über Weiterempfehlung und für mich ist das hier tatsächlich ein Gedankenspeicher und kein Marketing-Tool. Und ich liebe es, in der ganzen Vielfalt zu baden, die meine Wissensgebiete hergeben.

    Ehrlich gesagt, hatte ich mir gewünscht, dass Sie genau als Diplompsychologe noch Hinweise für uns haben, wie sich mit den ganz konkreten Angstsituationen umgehen lässt. Vielleicht gibt’s da noch Tipps und Tricks von Ihnen?

    Auf jeden Fall herzlichen Dank für Ihre ausführlichen Gedanken.

  3. Hallo liebe Frau Graßler,
    also dann ein paar Tipps aus psychologischer Sicht.

    1. Es ist wichtig, sich von der Angst nicht lähmen zu lassen. Dazu kann man sich von der Angst des-identifizieren. Konkret: Die meisten Menschen sagen “Ich habe Angst, dass x passiert.” Desidentifizieren heißt, das Gefühl umzuformulieren in “Ein Teil von mir hat Angst.” Damit kann man dann auch diesen Teil würdigen, weil der sich Sorgen macht. Aber es macht auch klar, dass nur ein teil von einem selbst Angst hat, nicht die ganze Person.

    2. Wenn die Angst berechtigt ist, weil tatsächlich die Auftragslage zu dünn ist, muss man sich vornehmlich darum kümmern. Dabei kann der Satz oder Gedanke helfen “Das Leben trägt mich.”

    3. Wenn es sachlich gesehen keinen Grund gibt für die Angst, man aber trotzdem immer wieder solche Gefühle hat, muss man schauen – manchmal mit professioneller Hilfe – was diese Angst bedeutet.

    Aus meiner Erfahrung mit Seminarteilnehmern können folgende Themen eine Rolle spielen:

    – Angst, zu erfolgreich zu sein oder erfolgreicher als eine wichtige Person im eigenen Leben.
    – Keine innere Erlaubnis, genießen zu dürfen.
    – Etwas beweisen zu müssen.
    Auf jeden Fall ist die Angst kein Problem, das man wegmachen kann, sondern ein wichtiger Hinweis auf ein ungelöstes Thema.

    Schönen Gruß

  4. Ja stimmt, von Zeit zu Zeit kommt da so ein Gefühl auf, wo man sich überlegt, was wäre wenn…

    Auf der einen Seite ist es sowas wie Existenzangst, auf der anderen Seite ist das dann auch Antrieb.

    Damit ist auch schon mein “Rezept” angedeutet. Ich überlege mir in einer solchen Situation, wovor ich eigentlich Angst habe. Angst ist für mich ein Zustand, in dem ich mich befinde, wenn etwas unklar ist für mich.

    Je klarer die Situation wird, desto verschwindet die Ungewissheit und mit ihr die Angst. Und wenn ich dann weiß, wovor ich konkret Angst habe, kann ich mir ganz gezielt überlegen, was ich dagegen tun werde.

    Solche Überlegungen zusammen mit einem Coach anzustellen ist übrigens kein Fehler. Aber das entspricht dann eigentlich Deinem Vorschlag des Redens.

  5. Ich war während des Studiums selbstständig. Da hat es Spaß gemacht. Habe dann deswegen das Studium vernachlässigt, war auch noch lustig. Irgendwie.

    Danach dann erstmal erfolgreich, das war richtig spaßig. Und dann ging es bergab. Immer weiter. Zum Glück bin ich dann in einem Arbeitsverhältnis gelandet. Feste Zeiten, festes Geld, fester Urlaub und wenn krank, dann genug Zeit zum gesund werden.

    Jetzt bin ich glücklich. Habe zwar weniger Geld aber viel viel mehr Zeit. Sprich das reale Stunden-Netto, dass was ich pro Stunden Abwesenheit von zuhause (Körperlich sowie geistig) bekomme, ist um ein VIELFACHES höher, als das, was ich je zuvor hatte. Und letztlich ist mir die Lebensqualität NEBEN der Arbeit mittlerweile wesentlich wichtiger und lieber geworden, als eine wirklich erfüllenden Tätigkeit zum Geldverdienen! Auch wenn das, was ich derzeit tue (Siehe meinen Link) meilenweit unter meinen Fähigkeiten liegt. Aber es lässt mir die Zeit und den Raum für wichtigere Dinge: Familie!

  6. @christian
    Das mit der Unklarheit ist nochmal ein wichtiger Hinweis. Denn Angst ist tatsächlich meist sehr diffus und das ganze mit einem Coach zu klären macht sehr viel Sinn.

    @mario
    Da ist natürlich was wahres dran. Deine Schilderung finde ich sehr offen und ehrlich. Vielen Dank dafür.

  7. @Herrn Kopp-Wichmann
    Was ich mir sofort aus Ihren Tipps (vielen Dank dafür!) mitgenommen habe, ist der Satz “Das Leben trägt mich”. Den finde ich für mich auch in anderen belastenden Situationen (wir haben momentan eine größere Familienkrise….) sehr hilfreich.

  8. Oh ja, auch ich kenne diese Angst und es gab eine Zeit, da hat sie mich gelähmt, mir den Schlaf geraubt und zu ein paar Kilo Gewichtsverlust geführt. Letzteres war das einzig Positive daran.
    Aber ich habe daraus gelernt. Ich habe gelernt, dass man als Selbständige(r) ständig am Ball bleiben muss, das Akquirieren, Netzwerken, sich Weiterbilden muss kontinuierlich beibehalten werden, auch in Zeiten guter Auslastung. Ich bin zu meinem eigenen Coach geworden. Ich habe mir einen Plan mit Zielen aufgestellt und eine Liste zum Abhaken geschrieben. Es gibt kurz- und langfristige Ziele, es gibt Ziele, die einfach zu erreichen sind und welche, die mehr Einsatz erfordern. Die Mischung ist wichtig, um etappenweise kleine Erfolgserlebnisse zu haben.
    Ich setze jeden Tag, auch am Wochenende, mindestens eine Stunde für das Netzwerken an, hinzu kommen im Schnitt 2-3 Stunden pro Woche für Weiterbildung und Akquise. Zeiten der Erholung stehen aber auch dem Wochenplan. Sport und der Besuch kultureller Ereignisse oder das Treffen mit Freunden sind wichtig zum Energie tanken, für neue Impulse und einfach zum Erholen. Diese Auszeiten dürfen allerdings meiner Meinung nach nicht überhand nehmen. Ein bisschen Disziplin muss schon sein.
    Mit diesem Programm ist man nicht vor Rückschlägen, Verdienstausfällen und somit Angst geschützt, aber das Loch, in das man fällt, ist vielleicht nicht so tief und die Chance ist gut, sich noch berappeln zu können, ohne in Panik zu geraten.
    Quintessenz: Ich nehme auch an, was ist. Realistisch, nicht mit Gefühlsduselei.
    Ich gehe auch liebevoll mit mir um, aber nicht ausschließlich. Wie gesagt, ein bisschen Disziplin muss sein. Dafür gerate ich mit diesem Programm aber auch nicht mehr in eine Situation, in der ich in blinden Aktionismus verfallen müsste.
    Das „In-Bewegung-Kommen“ und das Reden sind auch für mich zwei Hilfsmittel, die ich einsetze. Wenig kann ich allerdings mit dem Satz „Das Leben trägt mich“ anfangen. Das ist mir zu passiv. Im für mich schlimmsten Fall trägt mich das Leben zur Sozialhilfe, das möchte ich nicht.

  9. @Ulrike
    danke dir, für deine nochmalige Schreibaktion 🙂

    Und vielen Dank für deine ehrlichen Schilderungen. Das mit der Disziplin ist natürlich auch wahr. Und dein letzter Satz war mein erster Schmunzler des Tages heute. Danke dir!

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