Ein Nachruf

Gestern vor einer Woche ist Lisa, mein geliebtes Katzenmädchen, gestorben. Nach über 17 wundervollen Jahren hat sie diese Erde verlassen. Es war eine so schwere Entscheidung. Zu entscheiden, sie einschläfern zu lassen und ihr Leben damit zu beenden. Was für eine Qual. Die Gedanken ob es wirklich das richtige ist. Es als Erlösung für sie zu sehen, da sie seit längerem unheilbar und schwer nierenkrank war, seit fast 14 Tagen nichts mehr fressen wollte und die Medikamentengabe jeden Morgen ein Kampf war. Ihr dabei zusehen zu müssen, wie sie jeden Tag weniger wurde. Sie wog am Ende noch grad mal 2 kg, jede Rippe war sichtbar und spürbar.

Sie schlief die letzten 14 Tage bei mir im Bett. Immer ganz nah an mich gekuschelt. Ist unzählige Male in der Nacht auf ihr Kisterl gelaufen, hat literweise Wasser trinken müssen und kam dann wieder zurück zu mir ins Bett. Hat Wärme und Nähe gesucht, mich mit ihren klugen, wachen Augen angesehen, wissend. Gott, was ist die Liebe manchmal für ein Fluch. Sie bindet uns an Wesen und lässt uns leiden, weil wir ihnen nicht helfen können. Weinen um sie und um uns selbst.

Und wie lange verschließt man die Augen vor dem Unvermeidlichen. Will es einfach nicht wahrhaben. Es nicht als Möglichkeit im Kopf haben. Wie kann man nur Richter sein und entscheiden ein Leben zu nehmen? Was ist das nur für eine riesige, nicht fassbare Verantwortung.

Es gibt auf dieser Straße kein Zurück. Es ist unwiederbringlich. Kein Miauen mehr, das mich begrüßt, wenn ich nach Hause komme. Kein darauf warten, dass ich sie endlich hochnehme und ihr erzähle, wie mein Tag war, kein Kuscheln mehr auf der Couch und gemeinsames Einschlummern. Kein Angestupstwerden mehr, wenn ich traurig war, kein Schnurren mehr beim Streicheln ihres so unglaubliches weichen Fells.

Kein Beobachten mehr, wenn sie draußen im Garten umherstromert, die Ohren aufgestellt und das eine gespaltene besonders zu hören scheint. Keine Miezekatze mehr, die den Lieblingsplatz in der warmen Sonne annektiert hat und ihn wie selbstverständlich für sich beansprucht. Wieviele unzählige Zeilen am PC und auf Papier sind mit ihr auf dem Schoß entstanden. Sie war immer da. Über 17 Jahre lang. In jeder Wohnung, in jedem Haus. Hat alles mitgemacht mit ihrem Frauchen.

Als ich damals eine zweite Katze gesucht hatte, hab ich mich auf den Weg ins Tierheim gemacht. Nachdem schon einige Versuche fehlgeschlagen waren, eine Gefährtin für Tracy, meine erste Katze zu finden, dachte ich mir, es muss einen anderen Weg geben. Und ich hab es einfach umgekehrt, mich in den Katzenkäfig ganz still in ein Eckchen gesetzt und mich aussuchen lassen. Und da war sie, erst ganz zurückhaltend und scheu, saß sie auf der anderen Seite, etwas abseits von den anderen und sah mich einfach nur an.

Ihr Blick hat mich kaum losgelassen und sie beobachtete mich sehr genau. Die anderen Katzen kamen und gingen in meine Nähe, um dann wieder weiterzuziehen. Und dann gab es diesen Moment. Sie entschied sich und kam langsam auf mich zu. Setzte sich an meine Seite und schaute mich an. Ich durfte sie streicheln und sie kuschelte sich förmlich in meine Hand. In diesen Momenten ist ihr endgültig mein Herz zugeflogen. Sie blieb bei mir und so hab ich sie in ihr neues Zuhause mitgenommen. Sie war noch ein ganz kleines und junges Kätzchen und hatte doch schon eine Leidensgeschichte hinter sich. Der Vorbesitzer war wohl einer der wenig tierlieben Sorte, denn ich bekam sie völlig abgemagert und mit gebrochenen Rippen (durch einen Tritt….).

In ihrem neuen Heim war sie bei jedem Türklingeln sofort hinter der Couch verschwunden und sobald sie eine Männerstimme nur hörte geriet sie in Panik. Es dauerte lange, bis sie diese spontane Angst etwas verlor und es war so berührend, wie sehr sie mir von Anfang an vertraute. Ja, so fing unsere gemeinsame Geschichte an. Sie führte uns in verschiedenste Landkreise rund um Passau und unterschiedlichste Lebenssituationen. Fast schien es so, als ob meine Miezemaus Lisa mit ihrer Gefährtin Tracy die einzigen Fixpunkte in meinem Leben waren.

Tracy, die Katze die ich damals schon hatte als ich Lisa aus dem Tierheim holte, ist 2006 gestorben, kurz nach meinem Vater. Und vor allem zu dieser Zeit wäre ich ohne mein Katzenmädchen völlig untergegangen. Doch so gab es noch ein Wesen, um das ich mich zu kümmern hatte und die immer zu spüren schien, wie wichtig ihre Nähe war. Die in dieser Zeit kaum von meiner Seite wich wenn ich daheim war, die ich stundenlang bei mir auf dem Arm und auf dem Schoß hatte. So ging auch diese schwere Zeit vorüber und sie hat mit Sicherheit einen großen Anteil daran, mich im Leben gehalten zu haben.

Sie war jeden Tag wieder eine lebendige Quelle und ein Geschenk für das ich unendlich dankbar war. Was für ein Glück ich doch hatte. Die Zeit mit ihr ist mir so kostbar und die letzten Stunden haben wir miteinander gewacht.

Ich hatte das Glück eine sehr liebe Tierärztin zu finden, die zu uns nach Hause kam. Als es dann soweit war, ist sie auf meinem Arm gestorben. Hat sich an meinen Hals geschmiegt und ich hielt sie, spürte ihre Nase, hörte sie leise atmen und dann immer leiser werden. Meine Tränen strömten über mein Gesicht und ich hatte das Gefühl, mein Herz bricht ein weiteres Mal.

Ich hielt sie fast eine Stunde noch in meinem Arm bis ich spürte, dass auch ihre Seele gegangen war. In diesem Moment fühlte ich eine große Ruhe in mich einziehen und ich konnte sie endlich loslassen.

Sie war gegangen und es war ein so unendlich großes Geschenk sie in meinem Leben gehabt zu haben.

25 Replies to “Ein Nachruf”

  1. Eine Hübsche war sie, Deine Lisa! *snif*

    Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Und musste schon zweimal einen solchen Entscheid fällen: genau wie Du habe ich zugunsten des Tiers (bei mir einmal Katze, einmal Hund) fürs Erlösen durch Einschläfern entschieden.

  2. Dank dir für deine Zeilen. Ja, hübsch und sehr, sehr lieb war sie. Puh, und zweimal so eine Entscheidung fällen zu müssen, ist wahrlich kein Spaß 🙁

  3. Liebe Alexandra,

    ich kann Deinen Schmerz und Deine Trauer nur allzu gut nachempfinden. Ich musste diese Entscheidung, genau wie Marcel, auch schon zweimal treffen. Mein geliebter Kater Bijou starb 1997 mit 14 1/2 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch schon Mohrchen (auch sie war aus dem Tierheim – in dem ich damals ehrenamtlich gearbeitet hatte)und sie machte es mir etwas leichter seinen Verlust zu verkraften. Bijou war seit seiner 6. Lebenswoche bei mir. Als ich dann 2005 die Entscheidung für Mohrchen auch treffen musste (auch sie war nierenkrank)ging eine Welt unter. Mein lieber Mann Frank gab mir Trost, aber ich habe sehr lange daran genagt, nun auch sie verloren zu haben. Sie war 19 Jahre und 14 davon hat sie mit mir verbracht. Eine unvergessliche Zeit. Und Bijou und Mohrchen sind immer in meinem Herzen verankert. Ich höre heute noch ihr Schnurren …

    Liebe Grüße
    Manuela

  4. Liebe Manuela,

    vielen lieben Dank für deine Worte. Ich hör sie immer noch die Treppe herauflaufen und dann ist sie es natürlich doch nicht… Das wird bestimmt noch eine ganze Weile dauern.

    Liebe Grüße an euch beide.
    Alexandra

  5. Liebe Alexandra,

    ich habe diese Entscheidung zwar noch nicht fällen müssen, weiß aber, dass dies wahrscheinlich auch irgendwann mal bei meinen beiden kommt. Die Liebe zu Deiner Süßen, kann ich nur allzu gut nachvollziehen. Ich musste mir jetzt erstmal eine Träne aus dem Auge reiben…

    Alles Liebe
    Bianca

  6. Hallo Du liebe!

    Ich habe meinen Papa weinen sehen, als er damals unseren Mingo nach 16 Jahren einschläfern lassen musste. Sie wachsen einem ans Herz, die Fellnasen. Vielleicht wird es wieder eine Zeit geben, wo Du nochmal ins Tierheim gehen kannst und Dir ein neues Katzenmädchen holen kannst…

    Ich habe letzte Woche einen zweiten Hasen für Sammy dort abgeholt und da leben so viele, viele Tiere, die auf ein neues ZuHause warten würden… wenn sich doch nur mehr Menschen erinnern würden, welche Freude und welche bedingungslose Liebe man sich durch so ein Fellbündel ins Leben holt… auch wenn ein eventueller Abschied dann schwer wird… aber das Herz war zumindest für diese Zeitlang offen.

    Liebe Grüße! Caudia

  7. Liebe Bianca,

    es ist so schön zu lesen, dass es Menschen gibt, die das auch kennen. Dass der Tod zum Leben gehört, ist einfach manchmal so schwer anzuerkennen.

    Danke für deine Anteilnahme.

    Liebe Grüße,
    Alexandra

  8. Liebe Claudia,

    dank dir für deine Zeilen. Es wird bestimmt in meinem Leben wieder ein schnurrendes Katzenmädchen geben. Das wird sich alles finden. Im Moment ist es einfach so wie es ist. Träum noch sehr viel von meinem Kätzchen, so als ob sie noch ein wenig bei mir sein möchte.

    Alles Liebe,
    Alexandra

  9. Liebe Alexandra,

    so ne süße Maus, die Maus! Ich war an diesem speziellen Tag in Gedanken bei dir und Lisa und habe euch Kerzen angezündet …

    Ich drück dich und finde es schön, dass Lisa hier ein Plätzchen hat, wo wir sie alle noch einmal bewundern dürfen …

    Liebe Grüße
    Birgit

  10. Liebe Birgit,

    das mit den Kerzen für uns war so ein netter Liebesdienst von dir. Herzlichen Dank nochmal dafür an dich. Das Foto unten rechts ist das letzte von ihr gewesen…

    Liebe Grüße,
    Alexandra

  11. Liebe Alexandra,

    was für ein berührender Text. Lisa war für dich da – nicht nur in den schweren Monaten als du sie am meisten brauchtest- auch sonst. Und jetzt hast du ihr einen großen Liebesdienst erwiesen. Wie schön, dass sie zu Hause und in deinen Armen sterben durfte. Bestimmt war sie eine ganz besondere Katze und sie hat sich ganz richtig einen ganz besonderen Menschen ausgesucht. Ich war auch sehr berührt von der Geschichte wie ihr euch gefunden habt, da habe ich das erste Mal geweint.

    Liebe Grüße

    Andrea

  12. Liebe Andrea,

    vielen Dank für deine lieben Worte und dein Mitfühlen. Ja, die Geschichte, dass sie mich ausgesucht hat, hatte von Anfang an etwas ganz besonderes. Sie war ein ganz ruhiges Kätzchen und hat mir viel darüber beigebracht, wie wichtig es ist, im Hier und Jetzt ganz präsent zu sein.

    Liebe Grüße,
    Alexandra

  13. @happy-buddha

    dank dir, das ist lieb von dir.

  14. Liebe Alexandra,

    fühle mit Dir.

    Katzen sind oft die besseren Menschen und ich kann (nur im Ansatz) verstehen, wie Du Dich jetzt fühlen magst.

    Lisa dankt Dir bestimmt Deine Stärke, Fürsorge und Liebe.

    Alexander

  15. Lieber Alexander,

    es ist immer wieder schön, die Katzenbilder in deinem Blog zu sehen. Katzen haben für mich so eine ganz besondere Art lebendig zu sein. Dank dir für deinen Zuspruch, mein Katzenmädchen wird im Herzen immer bei mir sein.

    Alexandra

  16. Liebe Alexander,

    ich habe Deine Zeilen mit großer Anteilnahme gelesen und kann Deinen Schmerz sehr gut nachvollziehen.
    Vor 7 Jahren musste ich meine Bordercolliehündin nach 13 Jahren einschläfern lassen. Sie hatte bis zu meiner Geburtstagsfeier “durchgehalten”, genoß voll auch die Gäste obwohl sie schon die ganze Zeit fast nur schlief. Am nächsten Tag kam dann die Tierärztin auch zu uns ins Haus …
    Danach wollte ich keinen Hund mehr haben. Dieser Vorsatz hat ungefähr ein Jahr gehalten. Dann habe ich mich in eine kleine Islandhündin verliebt und sie acht Wochen alt aus dem Schwarzwald an die Ostseeküste geholt.
    Ich habe es nie bereut und freue mich jeden Tag über sie.
    Genau wie über die drei Katzen, die hier auch noch mit wohnen und sich abwechselnd ihre Schmuseeinheiten abholen.
    Daran zu denken, dass diese vier Tiere auch vier mal Abschiedsschmerz bedeuten, mag ich heute überhaupt nicht.

    Aber wie einige Kommentatoren schon geschrieben haben, der Tod gehört zum Leben einfach dazu. Vielleicht kann es uns auch helfen, den einen oder anderen Tag bewusster zu genießen.

    Alles Liebe,

    Jörg

  17. Liebe Alexandra,

    ich sehe gerade, dass ich Deine Namen falsch geschrieben habe,
    sorry !!!

    Da waren meine Finger wohl zu schnell oder die Gedanken schon bei Hund und Katzen …

  18. Lieber Jörg,

    danke für deine anteilnehmenden Zeilen. Meine Lisa hat auch noch bis zu meinem Geburtstag gekämpft und die Woche drauf ist es ganz rapide bergab gegangen. So als ob sie mir diese Freude noch machen wollte.

    Und das Genießen des einzelnen Tages, der einzelnen Stunde, das hab ich wirklich von ihr gelernt.

    Liebe Grüße,
    AlexandraL

  19. Liebe Alexandra,

    ehrlich gesagt bin ich eher der “Hundetyp”, aber diese Lovestory hat mich zu Tränen gerührt. Ich danke dir sehr für deine Offenheit. Mir fehlen die Worte…

    LG Simone

  20. Liebe Simone,

    danke für deine lieben Zeilen. Die Anteilnahme meines Social networks ist unglaublich und berührt mich zutiefst.

    LG Alexandra

  21. Hallo Frau Graßler,

    nachdem ich Sie gestern bei Ihrem BDS-Vortrag in München erlebt habe, bin ich heute auf Ihren bewegenden Nachruf gestossen.
    Für mich ist es eine Beschreibung einer ganz besonderen Beziehung, in der gerade auch die Entstehungsgeschichte beeindruckend emotional geschildert ist.
    Ich wünsche Ihnen, dass die aktuelle Leere des zutiefst spürbaren Verlustes bald den Platz bietet für eine intensive, freudige Erinnerung.
    Und es bleibt der Hinweis an uns alle, gesunde und frohe Tage sehr bewusst zu erleben!
    Alles Gute für die Zukunft!

    Beste Grüße, Thomas Strobel

  22. Hallo Herr Strobel,

    herzlichen Dank für Ihre wertschätzenden Worte. Die Formulierung “freudige Erinnerung” gefällt mir sehr. Worte die eine Leichtigkeit gepaart mit Tiefe haben. Werde sie eine Weile bei mir behalten und sehen was sie bewirken.

    Und wenn der Beitrag dazu ein wenig anregen kann, bewusster zu leben, dann freut mich das sehr.

  23. Liebe Alexandra,

    welch eine wundervolle Liebeserklärung an Dein Katzenmädchen. Eine solche Entscheidung zu treffen ist sehr schwer, aber Du hast die beste aller Lösungen für Lisa gefunden, hätte sie früher gehen wollen, wäre das sicherlich erkennbar gewesen.

    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass sich dieses Geschenk wiederholt!

    Herzliche Grüße

    Judith

  24. Liebe Judith,

    ach ja, ich vermisse sie immer noch. 17 Jahre sind einfach eine sehr lange Zeit. Und auch wenn mir schon wieder ein kleines Kätzchen angeboten wurde, werd ich noch eine ganze Weile brauchen, bis da wieder Platz dafür ist.

    Dank dir für deine Zeilen!

    Liebe Grüße,
    Alexandra

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