Weshalb sollten wir nicht versuchen, einem anderen Ganzen zu begegnen, statt immer auf der Suche nach der besseren Hälfte zu sein? (Jorge Bucay)

Nicht jemanden suchen der uns ergänzt, denn wir sind schon vollständig. Weg von dem Gedanken, dass uns etwas fehlt, dass da noch etwas zu uns hinzugefügt werden muss. Wir sind schon ganz. Und das ist gut so. Doch wie oft suchen – Frauen vielleicht sogar noch mehr – wir nach einem anderen Gegenüber. Jemanden der uns endlich vervollständigt. Uns das gibt, was wir uns schon so lang wünschen. Ein Mensch, der uns ergänzt, wo wir (anscheinend) noch Lücken aufweisen.

Wir sind nicht wirklich glücklich, wenn wir allein sind. Zumindest nehmen wir es oft so wahr. Es scheint etwas zu fehlen. Dort an der eigenen Seite. Wie eine leere Wand die uns das Gefühl gibt, da gehört unbedingt ein Bild hin, sonst ist das so leer. Dabei ist doch Leere etwas Wunderbares. Denn sie gibt uns Raum. Wir müssen sie nicht ausfüllen, sondern können sie lassen. Das Empfinden der Weite annehmen, die Leere als etwas was auf uns zurückwirkt.

Vielleicht ist es das, was beängstigend erscheint. Uns auf uns zurückgeworfen fühlen. Auf niemanden Emotionen projizieren zu können, sich nicht jemandem anderen zuzuwenden, sondern ins eigene Innere schauen. Dort mag es durchaus Abgründe geben, doch diese sind immer nur ein Teil. Genauso existieren in uns unentdeckte Gedanken und Bilder, Welten die wir bisher nicht betreten haben, weil wir so sehr auf der Suche nach jemandem waren.

Doch was passiert wirklich, wenn wir jemandem begegnen, von dem wir spüren, dass er/sie auf der Suche ist? Wie fühlt sich das für uns an? Ist es tatsächlich angenehm zu spüren, dass da auf der anderen Seite jemand steht, der uns braucht? Vielleicht ist es anfangs schmeichelhaft, es macht uns größer, gibt uns einen Mehrwert, doch ist es gleichwertig? Ist es nicht irgendwann wie auf einer Wippe, auf der nur einer immer unten ist und der andere oben? Ist es nicht viel interessanter, wohltuender und auch schöner, wenn es ein Auf und Ab gibt? Sich das Geben und Nehmen die Waage hält?

Was braucht es dazu?

Es braucht ein vollständiges Denken. Ein Denken, selbst vollständig zu sein. Nicht durch die Liebe eines anderen erst wirklich zu leben. Nicht darauf zu warten, dass jemand uns endlich aus unserem Alleinsein oder auch erlebter Einsamkeit in Zweisamkeit erlösen mag. Das Alleinsein als vollwertig annehmen. Uns selbst damit vollständig annehmen. Denn wir sind ganz. Vollkommen. Brauchen keine bessere Hälfte. Sind nicht die abgeschnittene Hälfte eines Ganzen. Nein, wir sind bereits ganz.

Was erwächst daraus?

Die Freiheit sich selbst leben zu dürfen. Das Leben zu führen und nicht nur passieren zu lassen. Den Blick auf uns gerichtet zu lassen und von dort aus zu anderen zu sehen. Und nicht die anderen als Spiegel für uns zu nutzen. Daraus kann nur Kummer entstehen, wenn ich mich ständig mit Blicken von außen betrachte, Vergleiche ziehe, dann tritt scheinbar fehlerhaftes hervor, da niemand dem anderen gleicht und der Maßstab mit dem wir uns messen, der von anderen ist und nicht unser eigener.

Wenn wir uns gestatten, den Gedanken vollkommen ganz zu sein, in uns einsinken zu lassen, spüren wir wie sich Zufriedenheit ausbreitet, innerer Friede uns durchziehen darf. Der Zwang etwas sein zu müssen, darstellen zu müssen, sich beweisen zu müssen, darf schmelzen wie Eis in der Sonne.

Wir müssen nirgends besser werden, wir dürfen uns annehmen in unserem Sein, unsere Ganzheit spüren. Den Blick auf unser Innerstes richten und dort verweilen. Mit Freude und Wohlwollen. Ein inneres Lächeln sich ausbreiten lassen, spüren wie Anspannung sich löst und Weite sich einstellt.

Unsere Suche nach jemand anderem, unser Betrachten unseres Selbst von außen, macht uns eng und setzt uns unter Druck. Aufmachen, sich selbst als bereits vollkommen ganzes Wesen spüren macht möglich, dass wir von innen heraus nach außen gehen können. Selbstverständlichkeit im besten Sinne ausleben. Selbst stehen. In einem guten Gefühl. Unsere Größe zeigen. Selbstverständlich. Uns selbst verstehen. Einen guten Stand haben. Selbstverständlich leben.

Und so können wir anderen begegnen. Menschen wahrnehmen, die ebenfalls selbstverständlich leben. Ganz sind. Einem ganzen Menschen begegnen, weil wir selbst ganz sind. Was für ein Unterschied.


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