Lesefutter – Folge 10

Das letzte Lesefutter ist jetzt wirklich schon viel zu lange her und es ist mal wieder Zeit für einen Beitrag der sich um meine geliebten Bücher dreht.

Diese 4 Bücher kann ich alle empfehlen und vielleicht blättert ihr einfach mal hinein:

Bretonische Verhältnisse – Jean-Luc Bannalec

Das Buch liest sich so nebenbei weg. Was mir daran besonders gut gefallen ist, ist die wunderbare Beschreibung der Gegend. Die Bretagne ist wohl eine ganz eigene Landschaft mit ganz eigenen Menschen. All die Besonderheiten werden in die Handlung eingewoben.

Der Kommissar ist angenehm unaufgeregt und die Story an sich um den Mordfall, der einen zweiten nach sich zieht, ist interessant zu lesen. Der alteingesessene Hotelier wird in seinem Hotel ermordet. Er war ein großer Kunstliebhaber und hat eine lange Tradition als Mäzen fortgeführt.

Im Laufe der Geschichte passiert ein zweiter Mord. Eine Professorin wird als Expertin hinzugezogen und viele Espressi spielen ebenfalls eine wichtige Rolle 🙂 Für eine Mordgeschichte ist das Buch sehr unblutig und die Story entwickelt sich eher als Roman, der genug Platz hat um Menschentypen zu beschreiben und ganz nebenbei eine wahre Liebeserklärung an die Bretagne macht.

.

Ein ungezähmtes Leben – Jeannette Walls

Der Titel ist Programm. Denn das Leben von Lily Casey Smith war wahrhaft ungezähmt. Jeannette Walls erzählt in diesem biographischen Roman die Geschichte ihrer Großmutter.

Lily wächst in Arizona auf. Im wilden Westen. Und ist seit klein auf ein wichtiger Teil der Arbeitskraft auf der Farm. Sie reitet die Pferde zu, die ihr Vater als Kutschpferde ausbildet, rackert sich auch mit allem anderen auf der Farm ab. Sie mag das Leben dort, ist unerschrocken und neugierig.

Als sie die Chance bekommt auf eine Klosterschule gehen zu dürfen, macht sie sich ganz allein 1.500 Meilen weit auf ihrem Pferd auf den Weg. Sie ist glücklich in der Schule. Wißbegierig und saugt alles Neue in sich auf. Leider hat das Ganze ein jähes Ende, als ihr Vater, statt das Schulgeld zu bezahlen, in eine Hundezucht investiert.

Das bringt für Lily das Fass zum Überlaufen und sie ergreift die Chance als Lehrerin arbeiten zu dürfen und geht von der Farm fort. So zieht sie eine Weile durch’s Land. Von einer Lehrerstelle zur nächsten. Das Lehren macht ihr Spaß. Sie bringt den Kindern ihre Sicht auf die Welt bei und eckt damit auch manches Mal bei den Eltern an.

Sie ist eine unerschrockene Frau, die ihren Weg geht und sich von niemandem etwas sagen lässt. In Jim ihrem späteren Mann findet sie einen Menschen, der sie genauso nimmt wie sie ist und mit ihm wird sie eine Familie gründen.

Ihre ganzen Erlebnisse sind aus ihrer Sicht geschildert und beruhen auf Geschichten und Erzählungen die innerhalb der Familie der Autorin seit vielen Jahren weitergegeben werden.

Es ist ein faszinierendes Buch, das einen mit nimmt in das Amerika, das aus härtester Arbeit auf der Farm besteht, den ersten Automobilien und der Faszination des weiten Landes.

Lily ist keine zimperliche Frau. Sie setzt ihre Ansichten schon mal mit einer Tracht Prügel durch, doch in einer derart dominierten Männerwelt, muss sie sich als Frau behaupten können.

Mich hat das Buch kaum losgelassen. Ich hab es in einem Rutsch gelesen und kann es wärmstens empfehlen. Ein Stück Zeitgeschichte aus Amerika aus der ganz nahen Sicht eines wilden Mädchens das zu einer furchtlosen und mutigen Frau heranwächst.

Sehr empfehlenswert.

.

Mädchen, was die Jungs können, kannst du schon lange – Christel Zachert

[Das Buch ist auch unter dem Titel “Puppchen, aus dir wird noch was” erhältlich.] Diese Autobiographie hat mich total begeistert! Christel Zachert erzählt auf 394 Seiten die Geschichte ihres Lebens. Geboren 1940 in Berlin mitten in den Kriegswirren, wächst Sie in einer Familie mit drei Brüdern auf.

Sie erzählt uns von den Findigkeiten ihres Vaters, der als Wein- und Spiritousenhändler viel Erfolg hat. Seinen Grundsätzen, seinem Mut und seiner Unerschrockenheit. Wie sie als Kinder aus Berlin fort auf’s Land gehen, dort in einem Ferienhäuschen teilweise alle zusammen wohnen, Gemüse ziehen und Schnapps verstecken.

Es ist ein Teil der Geschichte Deutschlands die hier ganz hautnah aus Sicht eines Kindes wiedererlebt wird. Sehr präzise und einprägsam geschildert. Ein wunderbares Stück Zeitgeschichte.

Christel Zachert hat eine herrlich lesbare Sprache. Lebendig und mit viel Charme erzählt sie von ihrem Weg nach Berlin zurück. Sie möchte in die Großstadt, lernen und etwas erleben. Leider geht das Geschäft ihres Vaters Konkurs und hinterlässt ein gebrochenes Paar. Ihr Vater stirbt als sie noch sehr jung ist und auch ihre Mutter wird schwer krank.

Vielleicht ist das einer der Gründe warum sie jung heiratet und mit ihrem Mann von Berlin weg zieht. Hans, ihr Mann, wird später Präsident des BKA werden. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg.

Sie wird mit dem ersten Kind schwanger und geht ganz in ihrer Mutterrolle auf. Sie bekommt noch zwei weitere Kinder und beginnt nach Jahren der Kindererziehung wieder zu arbeiten. Zunächst halbtags, ganz klassisch.

Die Karriere ihres Mannes wächst und ihre Familie ist gut versorgt. Da ereilt das mittlere Kind ein schwerer Schicksalsschlag. Ihre Tochter Isabell wird mit Krebs diagnostiziert und stirbt als Jugendliche an der Krankheit.

Christel Zachert wird 10 Jahre später ihr erstes Buch über den Tod ihrer Tochter schreiben “Wir treffen uns wieder in meinem Paradies” und vollkommen überwältigt vom großen Erfolg sein.

In ihrer Autobiographie ist dies ein Teil ihrer Geschichte. Wie sie sich nach einer Zeit der Trauer einen neuen Job sucht und ausgerechnet in der Finanzbranche landet. Versicherungen lernt zu verkaufen und Menschen und Firmen in diesen Bereichen zu beraten.

Sie arbeitet sich hoch und ist nicht nur die einzige Frau sondern auch die Älteste unter lauten jungen Männern. Doch sie schafft es am besten abzuschneiden. Gleichzeitig macht ihr Mann weiter im BKA Karriere und verbringt viel Zeit in seinem Beruf.

Christel Zachert schreibt über ihr Leben mit ihrem ganz eigenen Charme. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen, so lebendig und farbig wird alles geschildert. Dabei machen die einfachen Dinge das Leben ihrer Familie aus. Und dies zu lesen, bringt einen immer wieder zum Nachdenken, wie es denn darum im eigenen Leben bestellt ist.

Das Buch war für mich äußerst lesenswert. Ein Buch, das uns über deutsche Geschichte und Politik aus der Sicht eines aufwachsenden Mädchens nach dem Krieg erzählt und einer Frau die ihre Familie trotz Schicksalsschlägen zusammen hält und ihren Weg geht.

Der Spruch ihres Vaters “Mädchen, was die Jungs können, kannst du schon lange!” wird zum Titel ihres Buches. Und getreu diesem Motto lebt sie ihr Frausein als jemand, der weiß, dass sich alles schaffen lässt, wenn man will und es immer einen Weg gibt.

.

Wir Kinder der Kriegskinder – Anne-Ev Ustorf

Wir Kinder der KriegskinderDas Buch behandelt ein wichtiges, heikles und schmerzhaftes Thema. Mir ist immer wieder mal die Frage unter gekommen, wieso wir in den letzten Jahren so sehr verstärkt Menschen mit seelischen Schwierigkeiten haben, die Therapie benötigen.

Einen Grund dafür lässt sich tatsächlich in diesem Buch finden. Wer in der Generation 1955 – 1974 geboren ist, zählt zu den Kindern der Kriegskinder. Hat also Eltern die den Krieg als Kinder miterlebt haben. Dies hat in den meisten Fällen traumatische Spuren hinterlassen.

Flucht, Hungersnot, Elend, ausgebombt werden, Überlebensangst prägt sich in frühem Alter umso mehr ein und bestimmt über den Rest des Lebens. Viele Defizite ergeben sich daraus. Wer ständig Angst hatte, tut sich schwer Sicherheit zu vermitteln. Wer auf der Flucht war, Gewalt, Tod und Vergewaltigung erlebt hat oder mitansehen musste, tut sich schwer Stabilität zu schaffen.

Das sind nur ein paar der Punkte, die Anne-Ev Ustorf in ihrem ungemein wichtigen Buch aufgreift. Es ist der Versuch, sich diesem schwierigen und nicht wirklich präsentem Thema zu nähern. Die Eltern die als Kind den Krieg erlebt und erlitten haben, bringen große Defizite mit, die sie zwangsläufig an ihre Kinder weitergeben.

Wer zu dieser Generation gehört und für sich feststellt, dass es sich wiederholende Situationen des Scheiterns im Leben gibt, Beziehungen einfach nicht halten wollen, psychische Probleme sich Bahn brechen, sollte dieses Buch zu Hand nehmen.

Die Kapitel greifen verschiedene Bereiche dieser schrecklichen Zeit auf. Durch Interviews wird greifbar, was für Auswirkungen der Krieg auf die Kinder der Kriegskinder hat. Wer wie ich ebenfalls zu dieser Generation gehört, wird sich in verschiedenen Schilderungen wiederfinden.

Mich hat das Buch sehr berührt, nachdenklich gemacht und Tore für Gespräche geöffnet. Diese Gelegenheiten sollte man nicht ungenutzt verstreichen lassen.