Lesefutter – Folge 8

Aus dem Kuddelmuddel an Büchern, das im Moment aus drei verschiedenen Bibliotheken bei mir herumschwirrt, gibt es drei, die es mir besonders angetan haben und ich Ihnen gern vorstellen möchte. Aus völlig unterschiedlichen Bereichen.

Und wie immer gilt: Wenn Sie zu einem bestimmten Thema auf der Suche nach Literatur sind, können Sie mich gern nach Empfehlungen fragen. Da ich ziemlich viel lese – aus den verschiedensten Bereichen – fällt mir normalerweise immer was lesbares ein 🙂

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Meinen Frieden finden: Achtsam Gefühlen und Bedürfnissen begegnen: Wach sein für das, was in uns selbst lebendig ist von Heinrich Guggenbiller

Was für ein reiches Buch. Eine Schatztruhe, voller Möglichkeiten. Klug und sanft dargebracht, so dass sie gut für uns zu nehmen sind.

Heinrich Guggenbiller nimmt sich Zeit und begleitet uns Seite für Seite auf dem Weg unseren Frieden zu finden. Mit uns selbst und damit mit den Menschen, die uns umgeben. Dies macht er, in dem er in kurzen Texte Sätze und Wörter, mit denen wir uns selbst in vielerlei Hinsicht begrenzen, wörtlich nimmt und sie langsam verwandelt.

Niemals ist es ein aufgezwungener Prozess, den er mit seinem Schreiben vollzieht, viel mehr nimmt er uns mit auf eine Denkreise, die aus ihm selbst zu fließen scheint, wie es lösbar ist, von einem einschränkenden Denken über uns selbst hin zu unseren Möglichkeiten zu gelangen. In allen Formulierungen scheint die achtsame Sprache der gewaltfreien Kommunikation hindurch.

Es ist kein Buch, dass man in einem Rutsch lesen kann. Vielmehr wird man es immer wieder mal zur Hand nehmen und einfach aufschlagen. Die Wörter klingen in einem nach. Sie machen etwas mit einem. Als ob sie eine wandelnde Kraft hätten. Sie öffnen Türen, die vorher verschlossen waren und derer wir uns vielleicht gar nicht bewusst waren.

Ein überaus kluges und lesenswertes Buch. Ein Lebensbegleiter, der nichts über die Jahre an Weisheit verlieren wird.

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Tag und Nacht und auch im Sommer: Erinnerungen von Frank McCourt

Frank McCourt ist den meisten wahrscheinlich bekannt, als der Autor des Bestsellers “Die Asche meiner Mutter”. In seinem Buch Tag und Nacht und auch im Sommer schreibt er über seine Jahre als Lehrer. Absolut von der Leber weg. Ohne Beschönigungen beschreibt er über 30 Jahre seines Lebens.

Wie schwierig es ist, in einer amerikanischen Highschool mit den Teenager klar zu kommen, ihre Aufmerksamkeit zu erringen, nicht in den Klassen unterzugehen, sie in irgendeiner Form dazuzubringen, auch geistig anwesend zu sein.

Er schildert, mit welchen Tricks seine SchülerInnen versuchen ihn vom Unterricht abzulenken und ihn mit Fragen dazu bringen wollen, dass er einfach erzählt. Und das macht er. Frank McCourt erzählt ihnen Geschichten aus seinem Leben, die unspektakulären Ereignisse, die ein kleines Leben ausmachen. Und er erreicht sie, sie hören ihm zu, bauen Vertrauen auf und es gibt Momente, wie er es nennt, in denen der Unterricht einfach wunderbar wird.

Das Buch zieht einen völlig in den Bann. Es passieren keine großen Dinge darin, es kommen sogar viele Dinge vor, die mit scheitern zu tun haben, wie seine Ehe. Er macht keine Karriere, weil er das gar nicht möchte. Er unterrichtet, Tag und Nacht und auch im Sommer. Daher kommt auch der Titel. Für mich jedoch ist der Originaltitel “teacher man” weitaus passender.

Tausende von SchülerInnen gehen durch seinen Klassen, tausende von Unterrichtsstunden hält er ab. Nachdem er es durch einen weiteren Schulwechsel auf eine sehr renommierte Highschool schafft, verändert sich sein Alltag vom Disziplinieren hin zu Unterricht in kreativem Schreiben. Er schildert uns Stunden voller Übermut, Singen von Kochrezepten und der Vielzahl von SchülerInnen, die in seine Stunden gehen möchten. Doch er verliert sich nie in einem Machtstatus, spielt seine SchülerInnen nie aus und steht manchesmal vor der Klugheit seiner Teenager in tiefem Erstaunen.

Es steigt die Welt in diesem Schmelztiegel auf, wie ihn die Jugendlichen zu bewältigen haben. Und sie finden in ihrem Lehrer einen Menschen, der ihre Welt kennt und ihnen nichts vormacht, der häufig selbst mit dem Leben zu kämpfen hat, der ihnen Geschichten erzählt, sie selbst zum Nachdenken anregt und sie dazu bringt, ihre eigene Geschichte zu leben.

Für mich ein wunderbares Buch, das ein Stück Zeitgeschichte mit dem Leben eines Lehrers verbindet, der einfach sein Leben lebt so gut wie er vermag. Der große Ruhm für ihn kam erst in seinen 60igern, als er bereits pensioniert war. Alle, die lehren möchten, finden hier ein ehrliches Wort und die Welt der Schule, wie sie ohne Illusionen ist. Geschildert von einem underdog, der manchmal Glück und manchmal Pech hatte.

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Das lesende Gehirn: Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt von Maryanne Wolf

Maryanne Wolf ist Sprachforscherin und Dozentin für kindliche Entwicklung und kognitive Neurowissenschaft. In ihrem Buch wird der große Bogen geschlagen, wie die Schriftsprache überhaupt entstand und warum es für Kinder so elementar wichtig ist, schon sehr früh damit in Berührung zu kommen.

Ich möchte hier nur ein paar Zitate aus dem Buch bringen, die ich persönlich als absolut zentral empfinde:

“Lesen lernen beginnt, wenn man zum ersten Mal ein baby auf den Schoß nimmt und ihm eine Geschichte vorliest. Der spätere Leseerfolg hängt zu einem erheblichen Maße davon ab, wie oft dies in den ersten fünf Jahren der Kindheit geschieht oder auch nicht geschieht.”

“Kinder mit einem großen Repertoire an Wörtern und ihren Assoziationen erleben jeden Text und jedes Gespräch auf völlig andere Weise als Kinder, die nicht über den gleichen Fundus an Wörter und Vorstellungen verfügen.”

“Geschichten und Bücher sind ein sicherer Ort, Emotionen an sich selber zu erproben, und tragen daher entscheidend zur Entwicklung des Kindes bei. So ergibt sich eine wechselseitige Beziehung zwischen emotionaler Reifung und Lesen.”

“Kinder, denen man viel vorgelesen hatte, verwendeten in ihren Geschichten nicht nur mehr von der speziellen ‘literarischen’ Büchersprache als andere Kinder, sondern auch komplexere syntaktische Elemente, Phrasen und Nebensätze. Bedeutsam daran ist, dass Kinder, die selber vielfältige semantische und syntaktische Formen verwenden, auch die gesprochene und geschriebene Sprache anderer Menschen besser verstehen. Dieses sprachliche und kognitive Vermögen ist eine unschätzbare Basis für zahlreiche Verständnisfähigkeiten, die einige Jahre später, wenn die Kinder selber zu lesen beginnen, gefragt sind.”

Faszinierend ist zu lesen, wie genau der Leseprozess abläuft. Welche Stufen nacheinander erklommen werden und wieso das Hören dabei eine so zentrale Rolle spielt. Enthalten ist ebenfalls ein Kapitel, das sich mit Leseschwächen beschäftigt und Wege aufzeigt, diese zu überwinden.

Lesen ist uns nicht angeboren, sondern eine erlernte Leistung. Und auch wenn sich inzwischen viel in virtueller Welt abspielt, hat die Bedeutung des Lesen können, Textverständnis zu haben und die Fähigkeit der Abstraktion und eigenen Ableitungen in keinster Weise abgenommen.

Ein überaus wertvolles Buch, das ich nur sehr empfehlen kann. Meines Wissen gibt es momentan kein anderes Werk, dass die Wichtigkeit des Vorlesens, des Lesen- und Schreibenlernens besser herausarbeitet und die Wichtigkeit darstellt. Fast schon eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit Kindern und lesen lernen beschäftigen.

Wer noch weiter stöbern möchte, kann dies gern im gesammelten Lesefutter machen.

15 Jahre WissensAgentur – ein Grund zum Feiern, eine Rückschau und ein kleines Präsent für Sie


Unglaublich, wie die Zeit vergeht… Sorry, doch dieser Spruch musste jetzt einfach sein 🙂 Vor 15 Jahren hab ich mich beruflich auf eigene Beine gestellt, alle Höhen und Tiefen miterlebt und es funktioniert immer noch. Manchmal kann ich das selbst kaum glauben, doch irgendwas schein ich richtig zu machen.

1995 hab ich angefangen, selbständig zu arbeiten. Damals noch mit Unterricht, Coachings und viel Idealismus. Davon hab ich hier geschrieben. Auf meinem weiteren Weg bin ich oft gescheitert, hingefallen und wieder aufgestanden obwohl ich manchmal am liebsten liegengeblieben wäre.

Wenn ich heute zurückblicke und mich noch einmal entscheiden müsste, würde ich immer wieder die Selbständigkeit wählen. Ich bin für’s Angestelltendasein einfach nicht geschaffen. Dafür hab ich einen zu eigenen Kopf, der mir dann auch regelmäßig kürzer gemacht wurde…

In meinen Unterrichtsjahren (die ich wirklich geliebt habe) sind unzähliche SchülerInnen durch meinen Klassen gegangen. Ich hab kaufmännische Ausbildungen begleitet, Seminare in der Handwerkskammer gehalten, hab für die Bundeswehr unterrichtet (sehr interessante Erfahrung, kann ich dazu nur sagen…), hab das traditionelle Unterrichtskonzept mit Frontal-Unterricht komplett in die Tonne getreten und mit meinen KollegInnen zusammen neue Formen des Projektunterrichts und des begleitenden Coachings entwickelt. Wenn ich es überschlage, dürften es in den sechs Jahren meiner Zeit als Lehrerin über 1.000 SchülerInnen gewesen sein.

In meinen Hochzeiten hab ich sieben verschiedene Fächer gelehrt, pro Woche 35 Wochenstunden unterrichtet, die Hälfte vom Bürokram der Schule erledigt, (wer schon mal mit dem Arbeitsamt, der BfA und Konsorten zu tun hatte, weiß genau, wovon ich rede…) und daheim dann noch die Unterrichtsplanung und -gestaltung gemacht. Es war keine Seltenheit, dass ich um 3 Uhr morgens, dann den Stoff für den nächsten Tag mal grad so fertig hatte.

Doch es war mir egal. Ich hatte so eine Freude daran, Wissen zu vermitteln und damit Menschen etwas in die Hand zu geben, mit dem sie ihr eigenes Leben wieder auf stabile Beine stellen können. Allerdings ließ die Quittung für diesen Raubbau an mir selbst, nicht lange auf sich warten. Werd es nie vergessen, wie ich mitten im Buchführungsunterricht (mein Lieblingsfach) grad das Thema Abschreibung erläuterte. Und ich bin einfach mitten im Satz umgefallen. Stecker gezogen, Licht aus. Meine SchülerInnen haben mich dann eigenhändig einen Stock höher getragen (da war praktischerweise eine Tagesklinik untergebracht) und dort wurde ich dann wieder aufgepäppelt.

Die nachfolgende Konsequenz war ein radikales Kürzertreten, Fächerabgabe und nur noch 4 Tage Unterricht. Heute sehe ich es als Glück an, das mir das schon Mitte 20 passiert ist. Denn dieser frühe Burnout hat mich gelehrt, dass meine eigene Kraft immer die wichtigste sein muss, wenn ich etwas geben möchte.

Nach einigen Jahren merkte ich, dass ich nicht mehr mit der gleichen Freude an meine Arbeit heranging. Es war oft zu frustrierend einen teilweise hahnebüchenen Unsinn unterrichten zu müssen, nur weil es im Lehrplan stand. Teilweise so was von veraltet und komplett sinnlos. Es gab bei uns das geflügelte Wort: Das hier lernen wir für die Prüfung und so läuft es tatsächlich…

Mit 30 entschied ich dann, ich hör auf und mach nur noch mein eigenes Ding. Durch meine Kontakte mit vielen Firmen, bei denen SchülerInnen Praktika machten, hatte ich mir einen zukünftigen Kundenkreis aufbauen können. Das ließ sich dann auch erst mal gut an, doch aufgrund privater Krisen bin ich ein tiefes Loch gestürzt. Da war nix mehr mit Arbeiten. Eine düstere Zeit.

Da man als Selbständige ja seine eigene Absicherung ist, sind meine Reserven dann auch erst mal bis auf 0 geschrumpft. Da war guter Rat teuer. Ich biß in den sauren Apfel und musste mir, vorübergehend, wieder eine feste Stelle suchen. Das hab ich dann auch gemacht und bin in der Universität gelandet. Als Vorzimmerdame. Wer mich kennt, weiß welch Widerspruch in sich da schon drin steckt 🙂 Doch nun gut, ich hatte eine befristete Teilzeitstelle auf 2 Jahre und damit war mein Einkommen erst mal wieder gesichert.

Allerdings dauerte es nicht lang, bis ich krank wurde. Genau 6 Monate ging es gut. Mir wurde gesagt, ich solle nicht so schnell arbeiten, das sei hier nicht üblich (kein Scherz!), das Hauptgesprächsthema in den Büros war die letzte Folge von Deutschland sucht den Superstar (öhm, hab ich im Leben noch nicht gesehen) und was die Zicke aus dem Nebenbüro wieder für komische Klamotten anhat. Ich dachte anfangs echt, ich bin im falschen Film. So, als ob jemand gleich sagt, Klappe, danke, diese Filmsequenz müssen wir nochmal wiederholen.

Doch nein, ich war im richtigen Leben angelangt. Hier hatte man Autoriäten noch entsprechend zu würdigen und man legte einem Professor nicht einfach das Telefon auf, wenn er einen in völlig ungerechtfertigter Weise anbrüllte. Als mir das mal so ging, sagte ich dem Herrn am anderen Ende freundlich und sehr bestimmt, wenn er sich beruhigt habe und seine guten Manieren samt Kinderstube wieder gefunden hätte, könne er sich gern wieder melden. Meine Kollegin, die im Zimmer saß, ist fast vom Stuhl gefallen.

Oder als der Kanzler mit einer wirklich grottenhäßlichen Krawatte mir im Gang entgegenkam, rutschte mir das auch heraus. Er blieb stehen, nahm das herunterhängende Statussymbol mit zwei spitzen Fingern, sah es sich nochmal an und meinte dann “denken Sie wirklich? die ist vom Schnäppchenmarkt…” wir waren uns dann doch einig, dass das tatsächlich gar nicht geht. Und eine halbe Stunde später lief er dann mit einem neutralen Krawättchen herum.

Diese Begebenheiten und dass mein Chef immer zu mir ins Büro kam, sich über seinen Chef und diverse KollegInnen auskotzte und mich dann um Rat fragte, trugen nicht gerade zu meiner Beliebtheit bei. “die hält sich wohl für was ganz besonderes….” war der Tenor. Ach ja, ich kann Ihnen sagen, echt sein, ist manchmal wirklich schwierig. Am besten hab ich mich mit den Jungs von der EDV von Gegenüber verstanden, die waren dann immer meine letzte Rettung.

Selbständig gearbeitet hab ich in dieser Zeit nach wie vor. Ich hatte nach kurzer Zeit wieder 60-70 Stundenwochen und damit war klar, dass ich wieder gehen kann. Das hab ich dann auch gemacht. Und auch wenn es eine echt schräge und teilweise verletzende Zeit war, bin ich immer noch dankbar für die Stelle. Sie hat mir in einer für mich sehr schwierigen Zeit das Überleben gesichert.

Tja, und so ist die WissensAgentur erwachsen geworden. Die Freude am Lehren hab ich nie verloren und kann sie immer noch in meinen Seminaren und Vorträgen ausleben. Was für ein Glück ich doch habe, das tun zu können, was ich liebe. Auch wenn es manchesmal immer noch nicht einfach ist. Vor allem wenn Privates so sehr an einem zieht, wie der Tod meines Vaters und die weniger schönen familiären Konsequenzen.

Gut, dass einen das Leben in seinem Fortschreiten Gelassenheit lehrt. Die Fähigkeit steigt, Dinge anzunehmen, wie sie eben jetzt gerade sind und man aufhört immer zu erwarten, das alles läuft wie geplant. Es ist eine so große Freude für mich, meine KundInnen auf ihren Wegen zu begleiten und sich zu einem überaus freundschaftlichen Kontakt mit ihnen hin zu bewegen.

Ich glaube daran, dass es elementar wichtig ist, das zu lieben, was man tut und damit auch die Menschen wertzuschätzen, die einen damit beauftragen, Veränderungen zu bewirken. Es ist eine große Verantwortung für uns BeraterInnen und ich wünsche mir, dass diese Achtsamkeit noch viel mehr ins Geschäftsleben hineinfließt. Dass die Härte abnimmt und der starre Blick auf den Kommerz. Es sind die Menschen die zählen, sie schaffen die Werte. Das sollten wir nie vergessen.

15 Jahre WissensAgentur. 15 Jahre viele Menschen begleitet auf ihren Wegen. 15 Jahre voller Dankbarkeit und viel zu lachen, 15 Jahre das tun dürfen, was ich liebe. All das möchte ich gern mit Ihnen teilen und Ihnen ein kleines Präsent anbieten.

Nutzen Sie den Jubiläumsgutschein über 15 € von der WissensAgentur. Geben Sie dazu einfach bei der Anmeldung zu einem Vortrag oder Seminar die Gutscheinnummer J15WA an. Der Gutschein ist unbegrenzt gültig, darf beliebig oft weitergegeben werden und kann für alle Angebote der WissensAgentur einmal pro Person eingelöst werden.

Sie finden hier das aktuelle Vortrags- und Seminarangebot für den Herbst/Winter 2010. Feiern Sie mit mir, ich freu mich darauf Sie zu sehen! Und ich freu mich auf die nächsten 15 Jahre der WissensAgentur, die mit Sicherheit nicht langweilig werden 🙂

Krümel im Bett – Folge 6: selbstbewusst bedürftig sein

Wie es Tradition ist in dieser Rubrik Krümel im Bett ist, geht es um Gedanken, Sätze die mich einfach nicht mehr loslassen. Die etwas mit mir machen, bisher Gedachtes auf den Kopf stellen.

Der Gedanke, um den es heute geht, ist mir in einem Buch über den Weg gelaufen (jaja, ich weiß schon, etwas sehr ungewöhnliches für mich 🙂

Es geht um bedürftig sein. Für mich ist das ein ziemlich negativ besetztes Wort. Wenn ich mich befürftig fühle, empfinde ich mich als klein, hilflos und schwach. Es hat etwas von Opferdasein. Diese Hilfslosigkeit gepaart mit Scham und dem sich nicht trauen um etwas zu bitten, katapultiert uns damit in Sekunden in unsere Kinderseele zurück.

Zu oft haben wir auf eine Bitte ein Nein gehört und Ablehnung in verschiedenster Form erfahren. Je nach Häufigkeit und Intensität dieser Zurückweisung haben wir eine Strategie entwickelt, mit der wir im Rest unseres Lebens mit unseren Bedürfnissen umgehen.

(Dazu sollte noch angemerkt werden, dass es zu ca. 40 % von unserer Gen-Struktur abhängt, wie wir mit Stress und negativen Erlebnissen umgehen können = Resilienzfaktor).

Im besten Fall haben wir einen guten Grad an Resilienz (Widerstandskraft) entwickelt und bringen unsere Bedürfnisse mit Bitten zum Ausdruck, auch wenn wir manches Mal darauf ein Nein hören. Doch wir lassen dieses Nein dann beim Anderen und nehmen es nicht als Abwertung unserer Person auf. Wir wissen um unseren Wert und agieren auf Augenhöhe.

Doch was ist, wenn wir das nicht als Kind gelernt haben? Dann erleben wir uns mit unserer Bedürftigkeit als Wesen, die nicht soviel Wert zu haben scheinen, wie andere. Wir schämen uns manchmal fast dafür, nicht so widerstandsfähig und stark zu sein, wie vermeintlich so selbstsicher agierende Menschen in unserem Umfeld.

Vor allem in unserer leistungsorientierten Gesellschaft haben es die Zartbesaiteten von uns oft nicht leicht. Denn so wie es schmerzempfindlichere Menschen gibt als welche, die hart im Nehmen sind, gibt es eben auch die Menschen, denen diese Welt oft zu laut wird, die empfindlicher scheinen als andere und damit schnell als, wollen wir es mal  überkandidelt nennen, abgestempelt werden.

Doch was wäre, wenn Menschen, die auf diese Weise ticken, oft versäumen, ihren eigenen Bedürfnisse klar zu äußern, weil sie sich nicht aufdrängen wollen, nicht lästig fallen möchten, sich als Bettler empfinden und dadurch meist viel zu lange in für sie unangenehmen Situationen ausharren? Manchmal bis zu einem Punkt, an dem, einer Explosion gleich, ein Fass übergeht, dessen Wucht in keinster Weise zur aktuellen Situation passt.

Schaut man genauer hin, fällt es diesen Menschen schwer zu akzeptieren, dass jeder Mensch Bedürfnisse hat und jeder Mensch Bedürnisse haben DARF. Und diese Bedürfnisse damit etwas natürlich sind und unserem Lebendigsein entspringen. Der Fehler, oder anders ausgedrückt, die falsche Programmierung, an dieser Stelle, ist das Denken, dass wir zum Bettler werden, wenn wir unsere Bedürfnisse zeigen. Und auf der anderen Seite auf Menschen neidisch und manchmal auch grantig sind, die mit Selbstverständlichkeit ihre Bitten vorbringen.

Was für eine verkehrte Welt, denn wenn wir auf die andere Seite des Neides schauen, finden wir dort Traurigkeit und Wut auf uns selbst, weil wir uns etwas versagen, weil wir denken, wir dürfen nichts wollen. Und noch genauer hingesehen, kann hier die Auflösung unseres Knotens liegen.

Denn zuallererst ist es unsere Aufgabe unseren Bedürfnissen Beachtung zu schenken und sie als etwas zu nehmen, das unser Menschsein ausmacht. Sie zu achten und uns um ihre Erfüllung zu kümmern.

Wenn ich meine Bedürfnisse erkenne und zu ihnen stehe, kann ich selbstbewusst bedürftig sein.”
(Heinrich Guggenbiller in seinem Buch Frieden finden – ein sehr, sehr kluges und überaus lesenswertes Buch)

Nochmal zum ganz bewusst aufnehmen: selbstbewusst bedürftig sein

Darin sind zwei Schritte enthalten, die uns stets begleiten sollten:

1. Unsere Bedürfnisse erkennen

Wach sein dafür, was in uns passiert. Was in uns lebendig ist. In welchem Zustand wir uns gerade befinden. Wie es uns gerade geht. Erstaunlich viele Menschen leben den gesamten Tag ohne wirklich in Kontakt mit ihrem Inneren zu sein.

2. Zu unseren Bedürfnissen stehen

Will heißen, dass wir unsere Bedürfnisse nicht wie eine uns lästige Fliege verscheuchen wollen, sondern achten, was gerade in uns vorgeht. Wie können wir sonst von anderen erwarten, dass sie mit uns achtungsvoll umgehen, wenn wir selbst gegen uns so hart sind?

Das bedeutet nun nicht, dass wir uns in jede Emotion hineinfallen lassen, um die nächste Dramaqueen, der nächste Dramaking zu werden. Es bedeutet, dass wir unsere Gedanken darüber zügeln, die uns am liebsten anders hätten.

Ein Gefühl, eine Emotion wird größer durch Nichtbeachtung. Wie die Frau in dem alten Witz, die für jede Stunde, die ihr Mann später heimkommt, eine größere Kelle bereit hält, um sie ihm überzubraten. Wenn wir unsere Bedürfnisse, unsere Gefühle wegschieben, nicht haben wollen, werden sie zu immer größeren Keulen greifen, mit denen sie uns eins überbraten.

Annehmen dessen, was ist, bedeutet auch nicht, dass ich es gut finden muss. Denn das ist bereits wieder eine Wertung. Nein, annehmen, anerkennen bedeutet zu akzeptieren, dass es jetzt so ist wie es ist. Wir fühlen uns traurig, wütend, hilflos etc.

Wir haben jetzt in diesem Moment verschiedenste Bedürfnisse Und es geht im ersten Schritt nicht darum diese sofort zu befriedigen. Sondern einfach anzunehmen. Da sein lassen. Den Widerstand dagegen aufgeben. Ruhig sein, annehmen.

Damit nehmen wir uns selbst an. Jedes Mal. Mit jedem dieser kleinen Gedanken. Alles darf sein, wie es eben gerade ist. Und dann können wir immer öfter selbstbewusst bedürftig sein.

Was geht Ihnen dazu gerade so durch den Kopf?