Sapere aude – wage zu wissen

In einem Interview mit Prof. Pöppel (Psychologie heute Ausgabe September 2011) bin ich an interessanten Zeilen hängen geblieben. Es ging dabei um die Bilder unseres autobiografischen Gedächtnisses.

Woran wir uns erinnern

Wir erinnern vor allem Bilder, die mit Emotionen verbunden sind. Soweit ist das jetzt nichts Neues. Doch bewusst mit den Bildern zu arbeiten, die einem in Erinnerung sind und nicht nach verschütteten Bildern zu suchen ist eine neue Art erhöhte Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Bildquelle: Rolf Handke / pixelio.de

Prof. Pöppel sagt dazu:

“Die psychoanalytische Theorie geht davon aus, man könne sich durch Nacherleben des Traumas von eben diesem befreien. Das Entscheidende unserer Studien dagegen ist, dass wir ein Gegenmodell zur psychoanalytischen Aufarbeitung entwerfen. […]

Wenn Ereignisse weggedrückt wurden, damit sie im Bewusstsein keine Rolle spielen, hat das einen Sinn. Die Verdrängung ist das Resultat eines positiven Selektionsprozesses mit dem Ziel, dass ein Mensch mit sich zurechtkommt.

Erinnern statt aufarbeiten

Die Empfehlung lautet, das bewusste Erinnern zur Ich-Stärkung. Die Aufgabe ist simpel, jedoch nicht trivial. Denn sie erfordert Konzentration und ein Dranbleiben. Jeden Tag, am besten zur gleichen Zeit, sich bildlich vorzustellen, was man gestern getan hat und sich dazu Notizen zu machen.

Es geht dabei um die Bilder, die uns im Gedächtnis geblieben sind, aus welchem Grund auch immer. Sie zeigen uns, was uns wirklich ausmacht und wie wir das Leben tatsächlich erfahren.

Nochmal Prof. Pöppel:

“Ich stelle mich nicht infrage, indem ich etwas hervorhebe, das aus gutem Grund verdrängt wurde. Sondern ich bestätige mich selbst und erfinde meine eigene Lebensgeschichte. Das ist ein anstrengender und meditativer Prozess, in dessen Verlauf man einen stärkeren Selbstbezug, den Mut zu sich selbst und Respekt vor anderen findet. […]

Effekte dieser täglichen Meditation zeigen sich erfahrungsgemäß bereits nach einer Woche.”

Wer bin ich?

Um auf den Titel dieses Beitrags zu kommen, möchte ich noch eine weitere Übung vorstellen, die von Prof. Pöppel empfohlen wird zum Thema Identität.

Stellen Sie sich vor den Spiegel und sehen Sie sich an. Nicht im Sinne von einem Haar- und Makeup-Check sondern ein wirkliches Ansehen, sich selbst ansehen, mit der Frage wer man eigentlich ist.

Dazu ein weiteres Zitat:

“Und wissen Sie, wie die Menschen reagieren, die sich in dieser Weise ansehen? Sie wenden nach sehr kurzer Zeit den Blick ab. Weil sie es nicht ertragen können. So belastend ist es, sich selbst ins Gesicht zu sehen. […]

allein um die Tatsache, zu spüren: Es gibt mich ja. Und ich erschrecke vor mir selbst.”

Und auf die Frage wieso so eine Erfahrung bewusst gewählt werden sollte:

“Weil es interessant und befreiend sein kann. Ganz im Sinne der Aufklärung Sapere aude – wage zu wissen. Ich wage über mich selbst Bescheid zu wissen, ich habe den Mut zu mir selbst.”

Ich wage zu wissen. Ich habe den Mut zu mir selbst.

Was für große Gedanken. Was für eine Freiheit.

Erschaffe dein Erleben neu

Es sind zumeist die eingefahrenen Gedankenmuster die unser Gefühlsleben prägen. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Jahr für Jahr.

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit bewusst auf die Bilder lenken, die uns vom vergangenen Tag im Gedächtnis geblieben sind, erleben wir hautnah, WAS uns da täglich prägt.

Durch die Achtsamkeit, die wir dabei trainieren, können wir uns immer mehr auf Bilder konzentrieren lernen, die uns stärken. Lernen den Fokus zu verlagern. Sich selbst neu erschaffen mag ein großes Wort sein. Doch letztlich ist es nichts anderes. Wir schaffen uns unser Erleben neu.

Mein Bilderexperiment läuft und vielleicht haben Sie ja auch Lust dazu, sich auf Ihre Bilder des vergangenen Tages einzulassen.

Wagen Sie zu wissen.

Das kleine Glück und die große Dankbarkeit

Heute ist mir wieder eine Geschichte eingefallen, die mir letzten Frühling passiert ist. Sie ist erstens sehr typisch für mich 🙂 und hat mir zweitens wieder mal die Bedeutung des kleinen Glücks und der großen Dankbarkeit in Erinnerung gebracht hat.

Da es bei uns einfach wunderbar frühlingshaft sonnig war, hab ich mir am Nachmittag ein Stündchen Zeit genommen und war auf meiner Walking-Strecke unterwegs. Und es kam wie es kommen musste, bei meinem Rumgehampel (ich geh ohne diese Stöcke, sing dafür sehr viel…) hab ich meinen Autoschlüssel verloren.

Zu dem Zeitpunkt als ich das gemerkt habe, hatte ich schon fast die ganze Strecke hinter mir. Was nun…?

Ich bin mit gesenktem Blick die ganze Strecke wieder zurückgegangen und hab mir fast die Augen ausgeguckt nach dem Autoschlüssel. Und so ziemlich am Anfang der Strecke lag er mitten am Weg. Völlig unberührt und hat auf mich gewartet. Was für eine Freude!

Keine Ahnung wie hoch die Chance war, dass er noch da lag. An dem Tag sind viele Leute diese Strecke gegangen und doch hatte ich das Glück ihn wiederzufinden.

Mir hat diese Episode mal wieder ins Gedächtnis gebracht, wie plötzlich im Leben etwas passiert und schnell der Bogen von fröhlichem Unbeschwertsein zu tiefem Schreck geschlagen ist. Ist das nicht der beste Grund dafür, das kleine Glück schon heute im Leben wahrzunehmen? Und die Dankbarkeit, die einen durchströmt mit vielen Menschen zu teilen?

Sie achtsam dem Augenblick, denn er enthält das ganze Leben, sagt man im Buddhismus. Wie viel Wahrheit doch darin liegt.

Was hat Sie heute am meisten glücklich gemacht? Welche Situationen gab es, die Ihnen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben? Bei welchem Erlebnis waren Sie von Dankbarkeit erfüllt?

Freu mich sehr auf Ihre Gedanken dazu!

Ein besonderer Tag an dem es was zu feiern gibt!

Jedes Land hat seine eigenen Feiertage und wahrscheinlich hat jeder von uns seine ganz persönlichen Gedenktage. Heute ist für mich einer davon. Ein Tag, der mich nach fast 20 Jahren wieder in Kontakt mit einer Schulfreundin brachte. Heute vor 4 Jahren am 23. Januar 2006 bekam ich über XING eine Nachricht von Birgit, ob ich denn diejenige welche sei, von der sie dachte, dass ich es sein könnte 🙂

Und so haben wir uns wiedergefunden. Im November 2010, meinem Monat der Dankbarkeit, habe ich einen Tag unserer Geschichte gewidmet. Wer möchte, kann hier gern nachlesen.

Birgit feiert ebenfalls einen zutiefst persönlichen Gedenktag im Januar. Ob man da feiern als das richtige Wort verwenden kann, weiß ich gar nicht so genau, doch sicher ist, dass es diesmal einen Grund zu feiern gibt: Ein Jahr ohne einen schlimmen Schub bei ihrer MS. Doch das lesen Sie am besten bei ihr selbst nach. Hier ist ihre Geschichte zu finden.

Dann wünsch ich uns beiden auf diesem Weg nochmal unser ganz persönliches Happy New Year!

Ein Nachruf

Gestern vor einer Woche ist Lisa, mein geliebtes Katzenmädchen, gestorben. Nach über 17 wundervollen Jahren hat sie diese Erde verlassen. Es war eine so schwere Entscheidung. Zu entscheiden, sie einschläfern zu lassen und ihr Leben damit zu beenden. Was für eine Qual. Die Gedanken ob es wirklich das richtige ist. Es als Erlösung für sie zu sehen, da sie seit längerem unheilbar und schwer nierenkrank war, seit fast 14 Tagen nichts mehr fressen wollte und die Medikamentengabe jeden Morgen ein Kampf war. Ihr dabei zusehen zu müssen, wie sie jeden Tag weniger wurde. Sie wog am Ende noch grad mal 2 kg, jede Rippe war sichtbar und spürbar.

Sie schlief die letzten 14 Tage bei mir im Bett. Immer ganz nah an mich gekuschelt. Ist unzählige Male in der Nacht auf ihr Kisterl gelaufen, hat literweise Wasser trinken müssen und kam dann wieder zurück zu mir ins Bett. Hat Wärme und Nähe gesucht, mich mit ihren klugen, wachen Augen angesehen, wissend. Gott, was ist die Liebe manchmal für ein Fluch. Sie bindet uns an Wesen und lässt uns leiden, weil wir ihnen nicht helfen können. Weinen um sie und um uns selbst.

Und wie lange verschließt man die Augen vor dem Unvermeidlichen. Will es einfach nicht wahrhaben. Es nicht als Möglichkeit im Kopf haben. Wie kann man nur Richter sein und entscheiden ein Leben zu nehmen? Was ist das nur für eine riesige, nicht fassbare Verantwortung.

Es gibt auf dieser Straße kein Zurück. Es ist unwiederbringlich. Kein Miauen mehr, das mich begrüßt, wenn ich nach Hause komme. Kein darauf warten, dass ich sie endlich hochnehme und ihr erzähle, wie mein Tag war, kein Kuscheln mehr auf der Couch und gemeinsames Einschlummern. Kein Angestupstwerden mehr, wenn ich traurig war, kein Schnurren mehr beim Streicheln ihres so unglaubliches weichen Fells.

Kein Beobachten mehr, wenn sie draußen im Garten umherstromert, die Ohren aufgestellt und das eine gespaltene besonders zu hören scheint. Keine Miezekatze mehr, die den Lieblingsplatz in der warmen Sonne annektiert hat und ihn wie selbstverständlich für sich beansprucht. Wieviele unzählige Zeilen am PC und auf Papier sind mit ihr auf dem Schoß entstanden. Sie war immer da. Über 17 Jahre lang. In jeder Wohnung, in jedem Haus. Hat alles mitgemacht mit ihrem Frauchen.

Als ich damals eine zweite Katze gesucht hatte, hab ich mich auf den Weg ins Tierheim gemacht. Nachdem schon einige Versuche fehlgeschlagen waren, eine Gefährtin für Tracy, meine erste Katze zu finden, dachte ich mir, es muss einen anderen Weg geben. Und ich hab es einfach umgekehrt, mich in den Katzenkäfig ganz still in ein Eckchen gesetzt und mich aussuchen lassen. Und da war sie, erst ganz zurückhaltend und scheu, saß sie auf der anderen Seite, etwas abseits von den anderen und sah mich einfach nur an.

Ihr Blick hat mich kaum losgelassen und sie beobachtete mich sehr genau. Die anderen Katzen kamen und gingen in meine Nähe, um dann wieder weiterzuziehen. Und dann gab es diesen Moment. Sie entschied sich und kam langsam auf mich zu. Setzte sich an meine Seite und schaute mich an. Ich durfte sie streicheln und sie kuschelte sich förmlich in meine Hand. In diesen Momenten ist ihr endgültig mein Herz zugeflogen. Sie blieb bei mir und so hab ich sie in ihr neues Zuhause mitgenommen. Sie war noch ein ganz kleines und junges Kätzchen und hatte doch schon eine Leidensgeschichte hinter sich. Der Vorbesitzer war wohl einer der wenig tierlieben Sorte, denn ich bekam sie völlig abgemagert und mit gebrochenen Rippen (durch einen Tritt….).

In ihrem neuen Heim war sie bei jedem Türklingeln sofort hinter der Couch verschwunden und sobald sie eine Männerstimme nur hörte geriet sie in Panik. Es dauerte lange, bis sie diese spontane Angst etwas verlor und es war so berührend, wie sehr sie mir von Anfang an vertraute. Ja, so fing unsere gemeinsame Geschichte an. Sie führte uns in verschiedenste Landkreise rund um Passau und unterschiedlichste Lebenssituationen. Fast schien es so, als ob meine Miezemaus Lisa mit ihrer Gefährtin Tracy die einzigen Fixpunkte in meinem Leben waren.

Tracy, die Katze die ich damals schon hatte als ich Lisa aus dem Tierheim holte, ist 2006 gestorben, kurz nach meinem Vater. Und vor allem zu dieser Zeit wäre ich ohne mein Katzenmädchen völlig untergegangen. Doch so gab es noch ein Wesen, um das ich mich zu kümmern hatte und die immer zu spüren schien, wie wichtig ihre Nähe war. Die in dieser Zeit kaum von meiner Seite wich wenn ich daheim war, die ich stundenlang bei mir auf dem Arm und auf dem Schoß hatte. So ging auch diese schwere Zeit vorüber und sie hat mit Sicherheit einen großen Anteil daran, mich im Leben gehalten zu haben.

Sie war jeden Tag wieder eine lebendige Quelle und ein Geschenk für das ich unendlich dankbar war. Was für ein Glück ich doch hatte. Die Zeit mit ihr ist mir so kostbar und die letzten Stunden haben wir miteinander gewacht.

Ich hatte das Glück eine sehr liebe Tierärztin zu finden, die zu uns nach Hause kam. Als es dann soweit war, ist sie auf meinem Arm gestorben. Hat sich an meinen Hals geschmiegt und ich hielt sie, spürte ihre Nase, hörte sie leise atmen und dann immer leiser werden. Meine Tränen strömten über mein Gesicht und ich hatte das Gefühl, mein Herz bricht ein weiteres Mal.

Ich hielt sie fast eine Stunde noch in meinem Arm bis ich spürte, dass auch ihre Seele gegangen war. In diesem Moment fühlte ich eine große Ruhe in mich einziehen und ich konnte sie endlich loslassen.

Sie war gegangen und es war ein so unendlich großes Geschenk sie in meinem Leben gehabt zu haben.