Was passiert mit meinem virtuellen Selbst, wenn ich mal nicht mehr bin?

Das ist eine Frage, die mich seit längerem umtreibt. Zum einen weil es bei einem meiner Blogbeiträge in den Kommentaren auftauchte  und zum anderen durch diesen Podcast „Unsterblich wider Willen von Bayern2.

Bildquelle: Egbert Herold / pixelio.de

Mein Avatar und ich

Wer Online-Netzwerke nutzt, selbst bloggt und sich auf verschiedensten Foren tummelt, baut ein virtuelles Selbst im Internet auf. Mir geht es dabei nicht um die Frage, ob das gut oder schlecht ist oder ob wir besser darauf achten sollten, was wir ins Netz stellen. Das sind große Fragen, die anderswo in aller Ausführlichkeit behandelt werden.

Was mich heute sehr beschäftigt hat, war die Frage, ob es nicht Sinn macht, sich über ein virtuelles Testament Gedanken zu machen. In einem letzten Willen, wie ein Testament auch genannt wird, kann ich verfügen, was mit meinem Hab und Gut geschehen soll. Wie ich möchte, dass damit umgegangen wird und wer etwas davon bekommt.

Der letzte Online-Wille

Doch wie ist das z.B. mit der eigenen Webseite? Vor allem wenn es ein Blog ist, der regelmäßig geführt wurde? Sollten wir uns nicht darüber Gedanken machen, wem wir unsere Zugangsdaten anvertrauen und im Falle eines Falles vorher überlegen, was mit unserem virtuellen Selbst geschehen soll?

Ist es makaber oder sinnreich einen eigenen letzten Blogartikel zu verfassen und unsere Vertrauensperson darum zu bitten, diesen bei unserem Ableben zu veröffentlichen?

Oder wie ist es mit dem eigenen Facebook Account, dem privaten Profil in diesem sozialen Netzwerk? Sehr bewegend fand ich, wie bei einem Bekannten, der vor kurzem ganz plötzlich an einem Herzinfarkt starb, sein facebook-Profil zu einer Kondolenzseite wurde.

Viele Menschen die ihn kannten, hinterließen dort ihre Worte, versuchten auf diesem Web Abschied zu nehmen und seiner Familie Kraft zu wünschen.

Wie wollen wir damit umgehen?

Ehrlich gesagt, habe ich bei diesem Thema mehr Fragen als Antworten. Es gibt nichts, auf das wir dazu zurückgreifen können. Denn das Problem hat sich vor unserer Technik-Revolution nicht gestellt.

Verschwinden wird dieses Thema auch nicht mehr. Denn unsere Onlinezeit nimmt von Tag zu Tag zu. Unsere digitalen Spuren vermehren sich und hinterlassen ein schriftliches Zeugnis von uns, dass es in dieser Welt bisher nicht gegeben hat.

Wissen wir denn, was wir tun?

Bewusst sind wir uns dessen zumeist nicht. Wir geben in facebook Gedankenschnippsel ein, teilen Interessantes und Witziges, kommentieren bei Freunden und Fanseiten. Das ist eine unglaubliche Datenmenge, mit der wir unseren virtuellen Avatar füttern und ausbauen. Und das quasi so nebenbei. So ein paar Zeilen jeden Tag sind keine große Sache. Darüber denken wir nicht mehr nach, sobald der Post veröffentlicht ist.

Sichtbar wird das erst wieder z.B. durch den Dienst timehop. Er liefert uns nach Anmeldung täglich alles ins email-Postfach, was wir in facebook & Co. vor einem Jahr hinterlassen haben. Über die iPhone App sogar für mehrere Jahre zurück.

Das kann schon mal freaky sein, zu lesen, was wir da so alles posten und es zeigt auch möglicherweise Muster auf, von denen wir nichts wussten. Als banales Beispiel dafür mag der Eintrag von mir dieser Woche dienen, bei dem ich das gleiche Schneebild vor einem Jahr ebenfalls gepostet hatte, mit einem ganz ähnlichen Kommentar. Damit scheint unser Leben auch tatsächlich oft ein „täglich grüßt das Murmeltier-Charakter“ zu haben.

Fragen über Fragen

Die Frage was nach unserem Ableben mit unserem virtuellen Selbst passiert, bleibt weiterhin offen. Ich für mich hab da auch noch keine abschließende Lösung, sondern hab Fragen im Kopf, zu denen mich Ihre Ansichten sehr interessieren:

  •  Wie wäre es seinen eigenen Nachruf verfassen, der nach dem Ableben auf dem Blog veröffentlicht wird?
  • Was soll mit den Inhalten z.B. des Blogs passieren? Löschen lassen oder eine bestimmte Zeit online belassen und das jetzt schon zeitlich und finanziell regeln?
  • Was macht man mit dem facebook-Profil? Sollte das von Familie/Freunden als Kondolenzbuchersatz betreut werden? (Können Erben mit dem Totenschein eigentlich eine Löschung bei facebook beantragen?)
  • Analog, was sollte mit der Fanseite bei facebook geschehen? Wem gehören die Daten dann eigentlich, wenn es mich nicht mehr gibt? (Können Daten vererbt werden?)
  • Was ist mit unseren Anmeldungen bei XING? bei Fachforen? bei anderen Netzwerken? Werden die Zugänge nach einer gewissen Zeit einfach gelöscht?
  • Wie stellen wir sicher, dass der Zugriff z.B. auf Fotoseiten wie flickr für Familienmitglieder/Freunde erhalten bleibt?
  • Sollte man mit der Familie/guten Freunden Vereinbarungen treffen und z.B. Passwörter an einem Ort hinterlegen, an dem wir Zugriff für diesen definierten Personenkreis gewähren?

Was denken Sie darüber? Ist das überhaupt ein Thema für Sie oder spielt das für Sie keine Rolle? Wie haben Sie vor, das Thema zu lösen?

Heute hab ich keine Antworten, die ich geben kann und freu mich darauf Ihre Ansichten darüber zu lesen.

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7 Kommentare zu “Was passiert mit meinem virtuellen Selbst, wenn ich mal nicht mehr bin?

  1. Wie möchte ich umgehen mit meinen virtuellen Grabstätten? Ich zögere mit einer Antwort. Ich habe jede Menge Gedanken dazu, aber bislang nichts konkretes. Ein Testament, ein Nachruf, eine virtuelle Kerze brennen lassen – solche Dinge gehen mir im Kopf herum. Und es muss dann auch jemanden geben, der sich um meine virtuellen Grabstätten kümmert.

    Löschen von Beiträgen wie Kommentare, Statusupdates in den Foren, Plattformen, Websites? Nein, das würde ich nicht wollen. Niemand geht hin und vernichtet Zeitungsartikel oder -meldungen, weil die Person verstorben ist. Mein „Footprint“ sollte einfach weiter darumliegen.

    Bei eigenen Plattformen wie Blogs ist das etwas schwieriger. Da müssen von Zeit zu Zeit Patches eingespielt werden, Kommentare moderiert werden… (oder Kommentare alle deaktivieren). Vielleicht einfach nur als „Offline-/HTML-Version“ exportieren und statisch ablegen.

    Im körperlichen Leben nach dem Tod wird es immer schwieriger, meistens
    sind die Kinder, Geschwister, Freunde, Bekannte immer weiter verstreut
    und nehmen nicht einfach mal so eine mehrstündige Fahrt auf sich. Nur um
    am Grab zu stehen und dann wieder wegzufahren…

    Gelegentlich stoße ich auf die Online-Hinterlassenschaften vom Blogger Frank Hunck
    http://www.barcampkiel.de/bcki10/wiki.pl/Wir_trauern_um_Frank_Hunck
    auch wenn ich ihn nie selbst kennenlernte denke ich so an ihn…

    Irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass auch mich jemand – versehentlich durch Googlen oder absichtlich – an meinen „Gräbern“ besucht.

  2. Lieber Frank,

    danke für das Teilen deiner Gedanken. Es ist in der Tat ein schwieriges Feld. Aus deinen Zeilen nehm ich mir auf jeden Fall die virtuelle Grabkerze mit. Ein schöner Gedanke.

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