Stressmanagement – Burnout verhindern

Gerd Wenninger weiß wovon er spricht, nicht nur durch seinen Job als Therapeut, sondern aus ganz persönlicher Erfahrung. Durch was Stress in unserem Leben ausgelöst wird, wie wir ihm begegnen können und warum manche Menschen die Fähigkeit besitzen nicht auszubrennen, waren der Inhaltseines Vortrages am 28. Mai 2008 – organisiert durch den BdS in Passau. Dieser Artikel beruht auf meinen Mitschriften und eigenen Gedanken zum Thema.

Ein Merksatz, der uns allen immer bewusst sein sollte:

Ein Leben ohne Stress gibt es nicht.

Auch wenn uns das nicht gefallen mag, werden wir nicht umhin können, es zu akzeptieren. Denn Stress wird durch viele verschiedene Situationen ausgelöst. Ob es nun die Überlastung im Beruf, Familie, Schicksalsschläge und andere Ereignisse ist, sicher ist, dass die Stressfaktoren in unserem Leben nicht weniger werden sondern im Gegenteil dabei sind sich zu vervielfachen. Da ist guter Rat teuer.

Um das wenig greifbare Wort “Stress” etwas näher zu beleuchten, erläuterte Gerd Wenninger die Abläufe die im Körper entstehen und durch die wir uns letztendlich gestresst fühlen.

Zum einen bedeutet Stress in erster Linie eine Aktivierung. Wir reagieren auf körperliche und emotionale Reize. Das Nervensystem fährt quasi hoch und aktiviert damit unser Hormonsystem, Blutdruck und einiges mehr. So, als ob wir im Auto sitzen und auf’s Gas treten. Das ist jetzt auch noch nicht schlimm, denn Aktivierung erhöht auch unsere Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit. Problematisch wird es wenn eine Taktstörung vorliegt (= Stress) und wir zu viel Energie aufnehmen, die wir nicht verbrauchen bzw. abbauen und im gleichen Maße auch der Hormonspiegel nicht mehr absinkt.

Um im Bild des Autofahrens zu bleiben, bedeutet dass, das wir den Fuß nicht vom Gas nehmen, auch wenn wir schon längst von der Autobahn wieder runter sind und in uns in den engen Gassen einer Stadt befinden. Dass dabei nichts gescheites herauskommen kann und Gefahr praktisch schon in der Luft liegt, ist vollkommen klar. Und genauso geht es unserem Körper, wenn wir nicht lernen, diese Energie auch wieder abzubauen.

Unsere westliche Arbeitsphilosophie fördert leider genau dieses falsche Modell. Denn nur ein Angestellter der viel arbeitet, ist ein guter Angestellter. Keinen Stress zu haben, bringt uns ungläubige Blicke ein und das Image sich auf die faule Haut zu legen. Und sich bewusst gegen den Herdentrieb zu entscheiden und das eigene Gesundheitsempfinden als Maßstab zu nehmen, erfordert einiges an innerer Stärke.

Mehr als 60 % der Europäer klagen über Stress. Und dabei sprechen wir nicht von einem vorübergehenden Phänomen, sondern im Gegenteil von anhaltenden Situationen. Besonders gefährdete Berufsgruppen sind Lehrer, Pfarrer und Ärzte. Von letztgenannten sind statistisch 6-8 % suchtkrank. Wobei Alkoholismus eine große Rolle spielt. Das sind in Deutschland ca. 25.000 (!)

Die Zahl der Burnout-Erkrankten steigt sprunghaft an. Und das Fatale am Phänomen des Burnouts ist, dass es schleichend einsetzt und von den Betroffenen oftmals bis zum völligen Zusammenbruch verneint wird. Es lassen sich vier Phasen unterscheiden:

1. Phase – man brennt für den Job

Die Anfangseuphorie und das Engagement in neuen Aufgabengebieten kennt wohl jeder. Problematisch wird es, wenn das Brennen keinen Ausgleich mehr findet. Und der Job oder die Familiensituation (z.B. bei Pflegefällen) das gesamte Leben zu regieren beginnt. Der Mensch brennt innerlich ständig ohne Pause.

2. Phase – Antriebslosigkeit

Wenn die Anspannung nicht nachlässt und es keine Erholungsphase gibt, lassen die Kräfte irgendwann nach. Um im obigen Bild zu bleiben, irgendwann geht jedem Auto der Sprit aus, wenn man nicht zum Tanken fährt. Und es zeigen sich erste Schäden und Mängel, wenn der Kundendienst nicht regelmäßig gemacht wird. Was das übertragen auf den eigenen Körper bedeutet, ist wohl ziemlich selbst erklärend.

3.Phase – man steht neben sich

In dieser Phase zeigen sich bereits massive Suchtstörungen. Z.B. wird jetzt ungebremst getrunken. Es besteht jedoch keine Reflektion über das eigene Tun.

4.Phase – keinen Sinn mehr im Leben sehen

Hier sind wir dann am Endpunkt angekommen. Der endgültige Zusammenbruch. Der Mensch ist innerlich ausgebrannt. Nur noch die leere Hülle ist vorhanden. Keinerlei Motivation, Kraft mehr vorhanden und geschweige denn Sinnsuche möglich.

Was können wir also tun, um nicht in diesen Kreislauf zugeraten? Welche Gründe brauchen Menschen zum Ändern dieser Spirale? Der wichtigste Aspekt ist ein Bewusstwerden dessen was geschieht. Ein wirkliches Hinsehen, kein Wegschieben oder Verniedlichen. Das wird oftmals dadurch möglich, wenn der Leidensdruck groß genug geworden ist. Vielleicht durch eine besonders heikle Situation, in der wir das Gefühl hatten, nicht mehr HerrIn unserer Selbst sein, wenn uns plötzlich die Einschränkungen in unserem momentanen Leben bewusst werden. Häufig werden diese Situationen von außen ausgelöst, wenn sich Ehepartner beginnen zu trennen. Wer sich diesen Katastrophen stellt, hat eine Chance auszusteigen.

Wichtig ist dann, seine eigenen Abwehrstrategien zu kennen bzw. kennenzulernen. Denn der Mensch ist wohl am besten darin, sich selbst hinter’s Licht zu führen… Neues Verhalten bedingt auch neue Verhaltens-“Spuren”. Gewohnheiten haben nun mal einen großen Zug und Magnetismus. Und dagegen gilt es systematisch anzusteuern. Beginnen mit Kleinigkeiten, die im eigenen Lebensalltag geändert werden. Neue Gewohnheiten installieren. Den eigenen Lebensstil zu beleuchten. Stimmt das Verhältnis von Bewegung und Stillsitzen? Meist fehlt es gestressten Menschen genau an diesem Ausgleich. Und körperliche Bewegung ist jedoch das beste Mittel, um das Zuviel an aufgebauter Energie (wie oben beschrieben) wieder abzubauen.

Ein weiterer zentraler Hinweis ist das Entschleunigen. Wir leben in einer Welt die in jeder Sekunde unendlich viele Ablenkungen bietet. Und wir sind oft wie Glühwürmchen und wenden uns jederzeit dem nächsten Licht zu. Wieder zu lernen, die eigene Aufmerksamkeitsspanne zu verlängern, bewusst wahrzunehmen, was man eigentlich gerade macht, Achtsamkeit üben und den Körper im Jetzt spüren, kann uns wieder zur Ruhe bringen.

Dazu passt eine angepasste Zeitplanung. Pausen tatsächlich zu machen und nicht zu verschieben, den Mittag als wahre Auszeit nutzen. Durcharbeiten hat noch in keinem Fall die Produktivität erhöht auch wenn wir uns das gern einreden wollen. Gerade dann passieren die größten Fehler, wenn wir meinen das noch “eben schnell” erledigen zu müssen. Wieder nach unserem eigenen Maßstab zu planen, zu agieren und nicht nur zu reagieren, macht uns wieder zu Herren über die eigene Zeit. Dass dafür oftmals unpopuläre Entscheidungen von Nöten sind, die nicht immer auf Gegenliebe stoßen werden, ist der Preis den wir (anfänglich) dafür zahlen werden.

Als letzten Punkt auf der Liste nannte Gerd Wenninger das Mentaltraining. Meditieren lernen, den eigenen Gedankenstrom nicht zum Bestimmer werden zu lassen, bringt uns die nötige Distanz um klare Entscheidungen zu treffen. Und gute Entscheidungen verringern das Stressempfinden in hohem Maße, weil wir die Dinge im Griff haben und nicht umgekehrt.

Doch was machen jetzt eigentlich Menschen anders, die offensichtlich mit dem Stress in ihrem Leben umgehen können ohne auszubrennen? Nun, bis zu einem gewissen Grad hängt das mit unserer genetischen Ausstattung zusammen. Mit ca. 30 % liegt es tatsächlich in unseren Genen, ob wir tendenziell eher gut oder schlecht mit Stress umgehen können. Davon unabhängig davon pflegen diese Menschen ihr soziales Netz regelmäßig und führen Gespräche über ihre belastenden Situationen. Dabei geht es weniger um den Lösungsbedarf sondern um die Entlastung die mit Kommunikation einhergeht. Zu wissen, dass man einfach mal reden kann, ist eine große Erleichterung. Und schafft zu dem Verständnisbrücken.

Fazit:
Zu lernen im eigenen Leben das Gleichgewicht zwischen Stressoren und Ressourcen zu halten ist unsere große Lebensaufgabe. Und das gelingt am besten, wenn wir immer wieder unser Leben aus der Distanz betrachten und ehrlich mit uns selbst sind. Den Kontakt mit dem/der PartnerIn und Freunden bewusst zu pflegen, denn ein funktionierendes soziales Netz ist eine wichtige Ressource, die durch nichts anderes zu ersetzen ist.

Was sind Ihre “Geheimtipps” im Umgang mit dem Stress in Ihrem Leben? Lassen Sie uns Ihre Antworten in einem Kommentar wissen. Jede Anregung ist hilfreich.

Bildquelle: Dejan Milosavljevic -flickr.com

4 Replies to “Stressmanagement – Burnout verhindern”

  1. Schöner Artikel. Mein Geheimtip?
    Ganz einfach: in Elternzeit gehen und mal für eine begrenzte Zeit (in meinem Fall 2 Monate) weniger Arbeiten und mehr Zeit mit der Familie verbringen.
    Das relativiert dann vieles in der Firma, man bekommt einen anderen Blick auf die Zusammenhänge und das Arbeiten macht dann auch wieder mehr Spaß.

    lg
    Martin

  2. Hallo,
    schöner Artikel zum Thema “Achtsamkeit und Stress”. Zum selben Thema habe ich gerade einen längeren Blog-Beitrag geschrieben. Hier geht es vor allem um die Anwendung der Achtsamkeit, um den inneren “Autopiloten” vorübergehend auszuschalten und so den selbstgemachten Stress zu erkennen und abzubauen.
    Vielleicht interessiert es Sie ja.

  3. Persönlich habe ich das Thema Achtsamkeit im Zusammenhang mit dem Buddhismus vor vielen Jahren kennengelernt. Und auch wenn ich es immer wieder mal vergesse, lässt dieses Konzept einem den Raum in dem Moment, indem ich wieder daran denke, um wieder in das Jetzt zurückzukehren.
    Danke für den Artikelhinweis!

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