Quintessenz – Gedanken zum Mitnehmen – Ausgabe 9 – Aufschieben kann Vergnügen kosten

Ist Ihnen das auch schon einmal passiert?

Sie finden, unter den ganzen immer wieder herum liegenden Papieren, einen Gutschein für einen Kinofilm den Sie sich eigentlich unbedingt ansehen wollten. Doch beim Blick auf das Datum sehen Sie enttäuscht, dass die Frist bereits vor 4 Wochen abgelaufen ist. Die Freude über den Fund des Gutscheins wandelt sich in Enttäuschung und die leise Selbstanklage, wie unachtsam man doch wieder mal war.

Sie nehmen sich fest vor, beim nächsten Gutschein besser aufzupassen und ihn keineswegs verfallen zu lassen. 14 Tage später, beim nächsten Durchsuchen Ihrer Sachen, fällt Ihnen ein Restaurantgutschein in die Hände (dort wollten Sie wirklich gern mal zum Essen hingehen), der – leider – ebenfalls bereits letzte Woche abgelaufen ist…

Wieso passiert uns dass immer wieder? Die Marketingprofessorinnen Suzanne B. Shu und Ayelte Gneezy haben in einer Studie dazu interessante Erkenntnisse gewonnen (Quelle: Psychologie heute August 2010) und zeigen darin auf, dass Aufschieben uns Vergnügen kosten kann. Dass wir Unangenehmes aufschieben ist nun nichts neues, doch dass wir auch Positives aufschieben (und dadurch versäumen können) eröffnet einen weiteren wichtigen Blickwinkel.

Der signifikante Unterschied der sich aus der Studie ergab, ob Gutscheine eingelöst wurden oder verfielen, hängt mit der Frist zusammen, die uns bleibt um unser Vergnügen wahrzumachen. Je weiter das Ablaufdatum in der Zukunft lag umso häufiger verfiel der Gutschein. Je kürzer die Frist war umso eher wurde der Gutschein eingelöst.

Das gibt uns einen klaren Hinweis darauf, dass wir oft völlig überschätzen, wie viel Zeit wir noch haben. Denn wir denken, wenn der Gutschein erst in 3 Monaten abläuft, können wir das ja auch noch später machen. Wir warten auf den idealen Zeitpunkt. Doch der kommt bekanntlich selten.

Diese Erkenntnis lässt sich durchaus auf andere Bereiche des Lebens übertragen. Wie oft verschieben wir Pläne, wie Reisen die wir gern machen möchten, Besuche bei Freunden, die wir schon lang nicht mehr gesehen haben, das Buch endlich zu lesen, auf das wir uns schon lange freuen, mit den Kindern ein Picknick zu machen, ein Wochenende mal nur zu zweit zu verbringen, diese hochinteressante Weiterbildung zu besuchen….

Wir denken immer, dafür haben wir doch noch soviel Zeit. Doch so kann man ein ganzes Leben verbringen. Um am Ende festzustellen, dass man zwar viel schönes vor hatte, doch irgendwie ist die Zeit inzwischen dafür abgelaufen.

Was raten nun die Studienleiterinnen? Sie empfehlen uns, Gutscheine möglichst sofort einzulösen und nicht damit zu warten. Oder als weiteren Trick, sich selbst einen Termin dafür zu setzen als quasi idealen Zeitpunkt.

Man könnte daraus nun den Schluss ziehen, dass wir uns einem hedonistischen Lebensstils hingeben sollen. Alles nur noch auf Vergnügen ausrichten. Doch dem ist mitnichten so.

Meine ganz persönliche Quintessenz aus dieser Studie ist der klare Hinweis auf unsere so wichtige Achtsamkeit und das Bewusstsein der verstreichenden Zeit. Wir wissen nicht, wie viel Zeit wir noch haben für dieses oder jenes. Und uns sollte wirklich klar werden, dass wir nur eine begrenzte Anzahl von möglichen Erlebnissen, Aktivitäten, Menschen, Gesprächen u. ä. sinnvoll in unser Leben hinein packen können.

Und ob wir nun etwas aus dem reichhaltigen Angebot an Möglichkeiten umsetzen hängt mit unserer Fähigkeit der Auswahl und Entscheidung zusammen. Zu viel schönes was man machen könnte, lähmt einen schon aufgrund der unglaublichen Vielzahl an Optionen. Und wer sich nicht entscheiden kann, macht dann oft gar nichts. Glücklich fühlt sich jemand mit dieser “Nicht-Entscheidung” selten und die Zeit ist trotzdem verstrichen. Wir verhungern innerlich damit wie Buridans Esel zwischen seinen Heuhaufen.

Interessant ist das ganze schon irgendwie. Denn dadurch dass wir uns gegen keine der Alternativen entscheiden wollen, die uns zur Verfügung stehen, entscheiden wir uns auch für keine der Möglichkeiten. Die Furcht vor Verlust durch eine Ent-Scheidung ist anscheinend größer wie das gedachte Vergnügen, das uns eine gewählte Aktivität zu geben vermag.

Oder ein weiterer Gedankenansatz ist auch verbreitet: Wenn ich mir das Schöne jetzt schon gönne, dann ist es ja vorbei. Das führt manches mal dazu, dass wir uns besondere Leckerbissen so lange aufheben, bis sie verdorben sind. Und das macht nun wirklich soviel Sinn wie ein selbstgebohrtes Loch im Knie, um das mal etwas drastisch auszudrücken.

Die Frage die sich dadurch aufdrängt: Was lassen Sie “verderben” durch unachtsames Aufschieben?

Die Zeit vergeht nämlich so oder so. Und ist es daher nicht höchste Eisenbahn mal wieder einen genaueren Blick auf unser tägliches Leben zu werfen, durch die Brille der Achtsamkeit? Welche kleinen Freuden können Sie sich diese Woche gönnen? Wem können Sie diese Woche eine kleine Freude machen? (Die auf Sie zurückstrahlen wird, denn anderen Freude zu machen, altruistisch zu sein tut uns nämlich besonders gut.) Es geht dabei nicht um die großen Würfe, sondern um die Kleinigkeiten, das Eintauchen in den Moment, die aneinandergereiht unser Leben ergeben.

Lassen Sie uns teilhaben an Ihren Gedanken dazu. Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

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12 Replies to “Quintessenz – Gedanken zum Mitnehmen – Ausgabe 9 – Aufschieben kann Vergnügen kosten”

  1. Nach meiner letzten Aufräumaktion, bei der ich abgelaufene Gutscheine fand, denke ich: am besten sowas sofort wegwerfen (sofort entscheiden!). Ohne die Gutscheine würde mir ja nie der Gedanke kommen, da und dort etwas verbilligt einzukaufen. Letztlich sind Gutscheine ein Werbemittel – ein Lockruf, um in ein bestimmtes Kino, Restaurant, Eisdiele, Buchhandlung o.ä. zu gehen und etwas bestimmtes zu bestellen. Die Werbung spielt mit unserem Wunsch, irgendeinen Vorteil mitzunehmen – und dann setzen sie uns auch noch unter Zeitdruck. Wenn uns jemand wirklich etwas schenken will, dann ist das ein Geschenk ist ein Geschenk ist ein Geschenk – ohne Ablaufdatum.
    Wenn wir Gutscheine ablaufen lassen, dann weil unser Geist sich bewusst nicht an diese Gutscheine erinnern will – sie sind nicht so wichtig.

  2. Gutscheine sind tatsächlich oft ein Werbemittel, ganz klar. Mir ging es bei den Gedanken um das Weiterführende. Dass wir uns durch Aufschieben auch von schönen Seiten des Lebens abhalten lassen. Und das ist bestimmt etwas, was sich näher zu beleuchten lohnt.

  3. Klasse Artikel! Als reflektierender Mensch gelangt man immer wieder an diesen Punkt. Achtsamkeit, ein großartiger Begriff, mit einer unglaublichen Tragweite in unserer heutigen Zeit. Wie oft verliert man das Wesentliche im Moment aus den Augen. Wir beobachten zu wenig und hören nicht zu. Wir fotografieren lieber, anstatt wir die Dinge genau beobachten.

    Meine Buchempfehlung. “Schritte der Achtsamkeit” von Thich Nhat Hanh.

  4. @running_BUCoach

    Danke für dein nettes Feedback! Das Buch, das du empfohlen hast, schätze ich auch sehr. Überhaupt finde ich die Schriften von Thich Nhat Hanh sehr schön zu lesen und seine Hinweise sind in den Alltag integrierbar.

  5. Ach Alexandra, was für ein gut gewähltes Thema und ein gut geschriebener Artikel. Ich gehöre definitiv zu den Leuten die sich das beste immer zu lange aufheben. Der beste Bissen wartet so lange auf dem Teller bis das Essen kalt ist, die Lieblingsbluse wartet auf die perfekte Gelegenheit getragen zu werden und wird darüber unmodern.
    Werde mir auf alle Fälle nach deinem Artikel vornehmen dies bewusst anderes anzugehen, in kleinen Schritten.

  6. @ApfelMuse

    Ich kenn das ja selbst zur Genüge, daher hat mich diese Studie auch sehr zum Nachdenken gebracht. Die gute Nachricht ist, wie ich finde, dass sich durch Achtsamkeit schnell etwas ändern lässt. Und sich dadurch die kleinen Glücksmomente definitiv erhöhen lassen. Gehört damit auch zu den Dingen, die wenig Geld sondern “nur” Aufmerksamkeit kosten 🙂

  7. @ApfelMuse

    auch eine schöne Idee!

  8. Da hast Du voll ins Schwarze getroffen. Das gilt praktisch und philosophisch. Habe deshalb prompt gestöbert und Geburtstagsgutscheine von 2007 entdeckt. Einen habe ich heute mit Familie eingelöst: einen Essensgutschein auf dem Wendelinushof. Die Ballonfahrt, die man mir 2007 geschenkt hat, werde ich wohl eher nicht machen. Die hatte ich aufgeschoben, weil ich mich nicht getraut hatte. Und eigentlich mag ich es auch nicht. So war es dann auch ein psychologisches Moment. Aber die Schenkenden erlauben mir eine Alternativreise. So weit zum praktischen Teil.

    Der philosophisch-soziologische Part ist etwas komplizierter.
    Diese Belohnungsaufschiebung ist ja ein typisches Mittelschichtsphänomen. Der Leistungssport lebt unter anderem vom Deferred Gratification Pattern – dem Aufschieben der Belohnung, weil zu einem späteren Zeitpunkt ein noch größerer Erfolg / Genuss lockt – und weil man erst noch Trainings-, Arbeits- und andere Pflichten zu erledigen hat.

    Ich werde versuchen, nichts mehr aufzuschieben.
    Wirklich und wahrhaftig.
    Immer öfter jedenfalls….

  9. @illiconvalley

    Na das nenn ich doch mal promptes Umsetzen! Freut mich, dass dir der Artikel gleich ein leckeres Essen verschafft hat 🙂

    Wie so oft ist es einfach die eigene “Nicht-Anwesenheit” im Leben, die vieles durchrutschen lässt. Und jeder Moment Achtsamkeit mehr, jeder Moment bewusste Entscheidung mehr, kann uns wertvoll empfundene Lebenszeit schenken.

  10. Pingback: Jahresrückblick 2010 – Gebloggtes » Jahr, WissensAgentur, Lesen, Leben, Hier, Mein, Monat, Gewohnheiten, Freu, Projekt » Wissensagentur - Alexandra Graßler

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