(Los)lassen als Geschenk an sich selbst

Loslassen als Geschenk an sich selbstHeute habe ich fast eine halbe Papiertonne gefüllt. Faktisch mit Unterlagen aus der Zeit, als ich noch Vollzeitdozentin war. Vielen, vielen Papieren, die ich irgendwann einmal selbst erstellt hatte und bei denen doch die Aktualität schon lange abgelaufen war. Kann mich noch gut erinnern, wie es war diese Projekte zu entwickeln. Daher emotional gar nicht so leicht loszulassen.

Die Sachen waren teilweise schon 14 Jahre alt. Sorgfältig in Klarsichthüllen eingetütet, mit Inhaltsverzeichnis vorne im Ordner, farbig sinnvoll gewählten Trennblättern und einigen kleinen Details mehr. Ich habe mich an viele meiner Klassen erinnert, die Räume, die wir damals zur Verfügung hatten, Gelächter, das durch das Klassenzimmer flutete.

Was für eine Fülle von Persönlichkeiten im Laufe der Zeit in den Schülerbänken vor mir saß. Oder auch beim Projektunterricht ich mitten unter ihnen saß und meine SchülerInnen ihre ideenreichen und kreativen Projekte vorgestellt haben. Jede Klasse hatte ihren einen Klang, ihre ganz eigene Art. Alt und jung waren zumeist gemischt, “Gstudierte” neben “ganz normalen”. Im Laufe der Zeit wuchs die Gemeinschaft zusammen, fand ihr eigenes Thema, ihre Schwingung und oszillierte mit Lachen, Ärgern, auch Tränen, Freude, Unterstützung um diesen gefundenen Mittelpunkt.

All dies brandete wie eine Bilderflut, angereichert mit einer Kaskade von Gefühlen, beim Aussortieren meiner Ordner wieder hoch. Die Frage war, behalten oder doch weggeben? Verwenden werde ich all dies gewiss nie wieder. Nicht nur weil ich seit vielen Jahren nicht mehr in dem Bereich tätig bin sondern auch, weil die Inhalte das Mindesthaltbarkeitsdatum längst überschritten hatten.

So habe ich mich entschieden das alles (los) zu lassen. Habe die Papiere ordentlich von den Klarsichthüllen getrennt und während des Tuns innerlich DANKE gesagt, für diese reiche Zeit. Mit jedem Ordner, der leer wurde, wurde mir leichter, da sich Platz gezeigt hat in diesem so überaus vollen Regal, in das nicht das kleinste Papierschnippselchen mehr hineingepasst hätte. Deckenhoch gefüllt mit Ordnern. Der Rest aus sechs Jahren Unterricht aus Leidenschaft.

Mir wurde immer mehr bewusst, wie befreit ich mich auf einmal fühlte. Nicht, dass ich vorher eingeengt war, nein, das freie Gefühl war einfach eine Folge der Leere, die sich zeigte. Sichtbar in den Leerräumen des Regals, die fast wie Zahnlücken wirkten. Ein Effekt, den ich oft auch bei Klienten und Kunden erlebe, wenn wir Büro-Situationen unter die Lupe nehmen und gemeinsam ausmisten. Der Raum, der dadurch entsteht ist das Geschenk des Loslassens.

Dieser Raum macht auf einmal Neues möglich. Er regt an, sich mit Energie zu füllen und Neues zu erschaffen. Vorher wäre das nicht möglich gewesen, denn alles was uns umgibt, bindet auch unsere Energie und Aufmerksamkeit. Wir sind ein Stück gefangen, durch all das was wir besitzen. Und allzu oft, kehrt sich die Reihenfolge um und es ist fast so, dass die Dinge uns besitzen. Spätestens dann ist es höchste Zeit sich selbst das Geschenk des Loslassens zu gewähren.

Wir befinden uns momentan in der Jahreszeit des Gebens. Freiwilliges Geben, pflichterfülltes Geben, widerwilliges Geben, freudiges Geben, überschüttendes Geben, zudeckendes Geben, freikaufendes Geben, unbedachtes Geben, liebevolles Geben, versöhnendes Geben….

Wie wäre es, wenn Sie sich selbst als Geschenk das Loslassen überreichen? Trennen Sie sich von Dingen, die Sie schon ewig nicht mehr genutzt  haben, von Gegenständen die Ihnen ein ungutes Gefühl machen, sobald Sie sie ansehen, von veralteten Objekten, die Sie nie mehr verwenden werden, von Staubfängern, die Sie schon gar nicht mehr sehen, weil sie förmlich mit dem Hintergrund verschmolzen sind.

Betreten Sie den Raum, den Sie gern reinigen möchten von Veraltetem, mit fremden Augen. Sehen Sie bewusst alles an, so als ob Sie bei sich selbst zu Besuch wären. Achten Sie auf Ihr Bauchgefühl, wenn Ihre Blicke schweifen, nehmen Sie tote Energieecken war, Stapel, um die die Luft schon fast zäh wird.

Welchen Gegenstand haben Sie seit Monaten nicht mehr in der Hand gehabt? Und dann fangen Sie einfach an, suchen Sie sich einen bestimmten Bereich heraus, nehmen Sie sich 30 Minuten, 1 Stunde oder auch nur 7 Minuten. Doch fangen Sie an.

Schenken Sie sich dieses Jahr das Loslassen. Sie werden reich belohnt werden.

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5 Kommentare zu „(Los)lassen als Geschenk an sich selbst“

  • Mannno*manno*mannn, das hätte ich ja wohl auch dringend nötig. Ich muss Dich glaub ich wieder mal dringend buchen *ggg*

    Das Stichwort Zahnlücke hat bei mir jedenfalls eine ganz aktuelle Loslass-Bedeutung: Nach fast 3 Jahren (Feb 2006! sic!) mit Zahnproblemen im rechten Oberkiefer habe ich den Zahn im November losgelassen – ihn endlich “ziehen” lassen.

    Da habe ich jetzt meine Zahnlücke, das ist nicht unbedingt sehr angenehm, aber die Zyste an der Zahnwurzel hat mir deutlich gezeigt, dass das nix mehr geworden wäre. Der Zahn war wurzelbehandelt, war bereits tot und nun ist er weg, aus meinem Leben verschwunden. Seitdem herrscht Klarheit. Keine schwelende Entzündung mehr.

    Dinge, Berufe, Zähne, Rollen, Ordner, Unterlagen, Studienarbeiten, alles, was nicht mehr zu einem gehört – es schwärt, gärt, entzündet sich, belastet, vergiftet im schlimmsten Fall.

    Die Lehre aus meiner Zahngeschichte ist klar, warum nur ist es so schwer, loszulassen?
    Für mich hat das Loslassen des Zahnes sehr viel Sinn gemacht – wenn es nur nicht immer so schwer wäre, sich auch in anderen Bereichen dazu durchzuringen.

    Zum Glück gibt es Dich mit Deinen immerwährenden klugen Fragen, Denkanreizen, Krümeln, die unangenehm pieksen. Wir bleiben dran, gell?

    LG, Claudia

  • Alexandra Grassler:

    Schwer ist es auch aus dem Grund, glaube ich, weil man tatsächlich ein früheres Ich “sterben” lassen muss, damit ein Neues Platz findet.

    Wir halten oft an Dingen krampfhaft fest, weil wir uns zu sehr über und durch sie definieren. Und desweiteren denke ich, dass wir die Freiheit fürchten, die durch Loslassen entsteht. Denn Leere bedeutet zumeist Unwissenheit demgegenüber was kommen mag.

    Es ist viel schwieriger mit Freiheit umzugehen als mit Gewohnheit. Dazu ist ein inneres Wachsen nötig, das uns die Sicherheit in uns selbst finden lässt, die wir so oft im Außen suchen. Ob nun in Dingen oder auch Menschen….

  • [...] kann, davon wird noch in einem anderen Blogpost berichtet werden oder ihr lest schon mal hier nach: „Loslassen als Geschenk an sich selbst.“) Schon jetzt ans Schenken [...]

  • Danke. Die richtige Inspiration um mich einmal meinem Regal mit den Unterlagen von der Uni zu beschäftigen. Da steht noch meine komplette Literatur der Magisterarbeit, neben Ordnern voll Seminarunterlagen. Das kommt gleich auch mit auf die Liste!

    Liebe Grüße,
    Mondscheinblume

  • Werd den Hinweis von dir gleich auf meine Liste packen :-)

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