Lesefutter – Folge 8

Aus dem Kuddelmuddel an Büchern, das im Moment aus drei verschiedenen Bibliotheken bei mir herumschwirrt, gibt es drei, die es mir besonders angetan haben und ich Ihnen gern vorstellen möchte. Aus völlig unterschiedlichen Bereichen.

Und wie immer gilt: Wenn Sie zu einem bestimmten Thema auf der Suche nach Literatur sind, können Sie mich gern nach Empfehlungen fragen. Da ich ziemlich viel lese – aus den verschiedensten Bereichen – fällt mir normalerweise immer was lesbares ein 🙂

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Meinen Frieden finden: Achtsam Gefühlen und Bedürfnissen begegnen: Wach sein für das, was in uns selbst lebendig ist von Heinrich Guggenbiller

Was für ein reiches Buch. Eine Schatztruhe, voller Möglichkeiten. Klug und sanft dargebracht, so dass sie gut für uns zu nehmen sind.

Heinrich Guggenbiller nimmt sich Zeit und begleitet uns Seite für Seite auf dem Weg unseren Frieden zu finden. Mit uns selbst und damit mit den Menschen, die uns umgeben. Dies macht er, in dem er in kurzen Texte Sätze und Wörter, mit denen wir uns selbst in vielerlei Hinsicht begrenzen, wörtlich nimmt und sie langsam verwandelt.

Niemals ist es ein aufgezwungener Prozess, den er mit seinem Schreiben vollzieht, viel mehr nimmt er uns mit auf eine Denkreise, die aus ihm selbst zu fließen scheint, wie es lösbar ist, von einem einschränkenden Denken über uns selbst hin zu unseren Möglichkeiten zu gelangen. In allen Formulierungen scheint die achtsame Sprache der gewaltfreien Kommunikation hindurch.

Es ist kein Buch, dass man in einem Rutsch lesen kann. Vielmehr wird man es immer wieder mal zur Hand nehmen und einfach aufschlagen. Die Wörter klingen in einem nach. Sie machen etwas mit einem. Als ob sie eine wandelnde Kraft hätten. Sie öffnen Türen, die vorher verschlossen waren und derer wir uns vielleicht gar nicht bewusst waren.

Ein überaus kluges und lesenswertes Buch. Ein Lebensbegleiter, der nichts über die Jahre an Weisheit verlieren wird.

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Tag und Nacht und auch im Sommer: Erinnerungen von Frank McCourt

Frank McCourt ist den meisten wahrscheinlich bekannt, als der Autor des Bestsellers “Die Asche meiner Mutter”. In seinem Buch Tag und Nacht und auch im Sommer schreibt er über seine Jahre als Lehrer. Absolut von der Leber weg. Ohne Beschönigungen beschreibt er über 30 Jahre seines Lebens.

Wie schwierig es ist, in einer amerikanischen Highschool mit den Teenager klar zu kommen, ihre Aufmerksamkeit zu erringen, nicht in den Klassen unterzugehen, sie in irgendeiner Form dazuzubringen, auch geistig anwesend zu sein.

Er schildert, mit welchen Tricks seine SchülerInnen versuchen ihn vom Unterricht abzulenken und ihn mit Fragen dazu bringen wollen, dass er einfach erzählt. Und das macht er. Frank McCourt erzählt ihnen Geschichten aus seinem Leben, die unspektakulären Ereignisse, die ein kleines Leben ausmachen. Und er erreicht sie, sie hören ihm zu, bauen Vertrauen auf und es gibt Momente, wie er es nennt, in denen der Unterricht einfach wunderbar wird.

Das Buch zieht einen völlig in den Bann. Es passieren keine großen Dinge darin, es kommen sogar viele Dinge vor, die mit scheitern zu tun haben, wie seine Ehe. Er macht keine Karriere, weil er das gar nicht möchte. Er unterrichtet, Tag und Nacht und auch im Sommer. Daher kommt auch der Titel. Für mich jedoch ist der Originaltitel “teacher man” weitaus passender.

Tausende von SchülerInnen gehen durch seinen Klassen, tausende von Unterrichtsstunden hält er ab. Nachdem er es durch einen weiteren Schulwechsel auf eine sehr renommierte Highschool schafft, verändert sich sein Alltag vom Disziplinieren hin zu Unterricht in kreativem Schreiben. Er schildert uns Stunden voller Übermut, Singen von Kochrezepten und der Vielzahl von SchülerInnen, die in seine Stunden gehen möchten. Doch er verliert sich nie in einem Machtstatus, spielt seine SchülerInnen nie aus und steht manchesmal vor der Klugheit seiner Teenager in tiefem Erstaunen.

Es steigt die Welt in diesem Schmelztiegel auf, wie ihn die Jugendlichen zu bewältigen haben. Und sie finden in ihrem Lehrer einen Menschen, der ihre Welt kennt und ihnen nichts vormacht, der häufig selbst mit dem Leben zu kämpfen hat, der ihnen Geschichten erzählt, sie selbst zum Nachdenken anregt und sie dazu bringt, ihre eigene Geschichte zu leben.

Für mich ein wunderbares Buch, das ein Stück Zeitgeschichte mit dem Leben eines Lehrers verbindet, der einfach sein Leben lebt so gut wie er vermag. Der große Ruhm für ihn kam erst in seinen 60igern, als er bereits pensioniert war. Alle, die lehren möchten, finden hier ein ehrliches Wort und die Welt der Schule, wie sie ohne Illusionen ist. Geschildert von einem underdog, der manchmal Glück und manchmal Pech hatte.

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Das lesende Gehirn: Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt von Maryanne Wolf

Maryanne Wolf ist Sprachforscherin und Dozentin für kindliche Entwicklung und kognitive Neurowissenschaft. In ihrem Buch wird der große Bogen geschlagen, wie die Schriftsprache überhaupt entstand und warum es für Kinder so elementar wichtig ist, schon sehr früh damit in Berührung zu kommen.

Ich möchte hier nur ein paar Zitate aus dem Buch bringen, die ich persönlich als absolut zentral empfinde:

“Lesen lernen beginnt, wenn man zum ersten Mal ein baby auf den Schoß nimmt und ihm eine Geschichte vorliest. Der spätere Leseerfolg hängt zu einem erheblichen Maße davon ab, wie oft dies in den ersten fünf Jahren der Kindheit geschieht oder auch nicht geschieht.”

“Kinder mit einem großen Repertoire an Wörtern und ihren Assoziationen erleben jeden Text und jedes Gespräch auf völlig andere Weise als Kinder, die nicht über den gleichen Fundus an Wörter und Vorstellungen verfügen.”

“Geschichten und Bücher sind ein sicherer Ort, Emotionen an sich selber zu erproben, und tragen daher entscheidend zur Entwicklung des Kindes bei. So ergibt sich eine wechselseitige Beziehung zwischen emotionaler Reifung und Lesen.”

“Kinder, denen man viel vorgelesen hatte, verwendeten in ihren Geschichten nicht nur mehr von der speziellen ‘literarischen’ Büchersprache als andere Kinder, sondern auch komplexere syntaktische Elemente, Phrasen und Nebensätze. Bedeutsam daran ist, dass Kinder, die selber vielfältige semantische und syntaktische Formen verwenden, auch die gesprochene und geschriebene Sprache anderer Menschen besser verstehen. Dieses sprachliche und kognitive Vermögen ist eine unschätzbare Basis für zahlreiche Verständnisfähigkeiten, die einige Jahre später, wenn die Kinder selber zu lesen beginnen, gefragt sind.”

Faszinierend ist zu lesen, wie genau der Leseprozess abläuft. Welche Stufen nacheinander erklommen werden und wieso das Hören dabei eine so zentrale Rolle spielt. Enthalten ist ebenfalls ein Kapitel, das sich mit Leseschwächen beschäftigt und Wege aufzeigt, diese zu überwinden.

Lesen ist uns nicht angeboren, sondern eine erlernte Leistung. Und auch wenn sich inzwischen viel in virtueller Welt abspielt, hat die Bedeutung des Lesen können, Textverständnis zu haben und die Fähigkeit der Abstraktion und eigenen Ableitungen in keinster Weise abgenommen.

Ein überaus wertvolles Buch, das ich nur sehr empfehlen kann. Meines Wissen gibt es momentan kein anderes Werk, dass die Wichtigkeit des Vorlesens, des Lesen- und Schreibenlernens besser herausarbeitet und die Wichtigkeit darstellt. Fast schon eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit Kindern und lesen lernen beschäftigen.

Wer noch weiter stöbern möchte, kann dies gern im gesammelten Lesefutter machen.

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