Ordner_by_Jochen-B_pixelio.deHeute habe ich fast eine halbe Papiertonne gefüllt. Faktisch mit Unterlagen aus der Zeit, als ich noch Vollzeitdozentin war. Vielen, vielen Papieren, die ich irgendwann einmal selbst erstellt hatte und bei denen doch die Aktualität schon lange abgelaufen war. Kann mich noch gut erinnern, wie es war diese Projekte zu entwickeln. Daher emotional gar nicht so leicht loszulassen.

Bildquelle: @Jochen B. / Pixelio

Die Sachen waren teilweise schon 14 Jahre alt. Sorgfältig in Klarsichthüllen eingetütet, mit Inhaltsverzeichnis vorne im Ordner, farbig sinnvoll gewählten Trennblättern und einigen kleinen Details mehr. Ich habe mich an viele meiner Klassen erinnert, die Räume, die wir damals zur Verfügung hatten, Gelächter, das durch das Klassenzimmer flutete.

Was für eine Fülle von Persönlichkeiten im Laufe der Zeit in den Schülerbänken vor mir saß. Oder auch beim Projektunterricht ich mitten unter ihnen saß und meine SchülerInnen ihre ideenreichen und kreativen Projekte vorgestellt haben. Jede Klasse hatte ihren einen Klang, ihre ganz eigene Art. Alt und jung waren zumeist gemischt, “Gstudierte” neben “ganz normalen”. Im Laufe der Zeit wuchs die Gemeinschaft zusammen, fand ihr eigenes Thema, ihre Schwingung und oszillierte mit Lachen, Ärgern, auch Tränen, Freude, Unterstützung um diesen gefundenen Mittelpunkt.

All dies brandete wie eine Bilderflut, angereichert mit einer Kaskade von Gefühlen, beim Aussortieren meiner Ordner wieder hoch. Die Frage war, behalten oder doch weggeben? Verwenden werde ich all dies gewiss nie wieder. Nicht nur weil ich seit vielen Jahren nicht mehr in dem Bereich tätig bin sondern auch, weil die Inhalte das Mindesthaltbarkeitsdatum längst überschritten hatten.

So habe ich mich entschieden das alles (los) zu lassen. Habe die Papiere ordentlich von den Klarsichthüllen getrennt und während des Tuns innerlich DANKE gesagt, für diese reiche Zeit. Mit jedem Ordner, der leer wurde, wurde mir leichter, da sich Platz gezeigt hat in diesem so überaus vollen Regal, in das nicht das kleinste Papierschnippselchen mehr hineingepasst hätte. Deckenhoch gefüllt mit Ordnern. Der Rest aus sechs Jahren Unterricht aus Leidenschaft.

Mir wurde immer mehr bewusst, wie befreit ich mich auf einmal fühlte. Nicht, dass ich vorher eingeengt war, nein, das freie Gefühl war einfach eine Folge der Leere, die sich zeigte. Sichtbar in den Leerräumen des Regals, die fast wie Zahnlücken wirkten. Ein Effekt, den ich oft auch bei Klienten und Kunden erlebe, wenn wir Büro-Situationen unter die Lupe nehmen und gemeinsam ausmisten. Der Raum, der dadurch entsteht ist das Geschenk des Loslassens.

Dieser Raum macht auf einmal Neues möglich. Er regt an, sich mit Energie zu füllen und Neues zu erschaffen. Vorher wäre das nicht möglich gewesen, denn alles was uns umgibt, bindet auch unsere Energie und Aufmerksamkeit. Wir sind ein Stück gefangen, durch all das was wir besitzen. Und allzu oft, kehrt sich die Reihenfolge um und es ist fast so, dass die Dinge uns besitzen. Spätestens dann ist es höchste Zeit sich selbst das Geschenk des Loslassens zu gewähren.

Wir befinden uns momentan in der Jahreszeit des Gebens. Freiwilliges Geben, pflichterfülltes Geben, widerwilliges Geben, freudiges Geben, überschüttendes Geben, zudeckendes Geben, freikaufendes Geben, unbedachtes Geben, liebevolles Geben, versöhnendes Geben….

Wie wäre es, wenn Sie sich selbst als Geschenk das Loslassen überreichen? Trennen Sie sich von Dingen, die Sie schon ewig nicht mehr genutzt  haben, von Gegenständen die Ihnen ein ungutes Gefühl machen, sobald Sie sie ansehen, von veralteten Objekten, die Sie nie mehr verwenden werden, von Staubfängern, die Sie schon gar nicht mehr sehen, weil sie förmlich mit dem Hintergrund verschmolzen sind.

Betreten Sie den Raum, den Sie gern reinigen möchten von Veraltetem, mit fremden Augen. Sehen Sie bewusst alles an, so als ob Sie bei sich selbst zu Besuch wären. Achten Sie auf Ihr Bauchgefühl, wenn Ihre Blicke schweifen, nehmen Sie tote Energieecken war, Stapel, um die die Luft schon fast zäh wird.

Welchen Gegenstand haben Sie seit Monaten nicht mehr in der Hand gehabt? Und dann fangen Sie einfach an, suchen Sie sich einen bestimmten Bereich heraus, nehmen Sie sich 30 Minuten, 1 Stunde oder auch nur 7 Minuten. Doch fangen Sie an.

Schenken Sie sich dieses Jahr das Loslassen. Sie werden reich belohnt werden.

Uhren_by_zenov_pixelio.deDer Dezember und damit Weihnachten rücken unaufhaltsam näher. Fast ist schon das Herangaloppieren der Rentiere zu hören. Und wenn der Weihnachtsmann grad so eine Phase hätte wie wir, dann würde er möglicherweise mit einem hochroten Kopf stehend auf dem Schlitten stehen, seine Peitsche knallen lassen und einen vollkommen gehetzten und erschöpften Eindruck machen. Und wieso das alles…? Na, damit er die 100.000 Päckchen, die er da auf seinem Schlitten liegen hat, auch ja rechtzeitig unter die richtigen Bäumen, passenden Socken oder wahlweise Kamine stopfen kann.

Bildquelle: @zenov / pixelio.de

Die ganze Arbeit hat er sowieso nur wegen uns, weil die meisten unserer Spezies im Dezember zu Geschenkmonstern werden. Je weiter der 24.12. heranrückt um so verrückter wird der Drang und die gefühlte Verpflichtung all unseren Lieben (und vielleicht auch nicht so Lieben, doch das liebe Pflichtgefühl….) ein Päckchen unter den Baum legen zu können. Und wieviele von uns schwören sich regelmäßig am 25. Dezember, ‘nächstes Jahr mach ich den Zirkus nicht mehr mit’ um dann mit täglich-grüßt-das-Murmeltier-Gefühl im nächsten Jahr das gleiche wieder zu erleben.

Was ließe sich denn da anders machen?

Was wäre denn, wenn Sie kein Geld für Weihnachtsgeschenke aufwenden dürften? Und die Geschenke auf jeden Fall mit Ihnen zu tun haben sollten? Was ist das kostbarste, was wir Menschen anderen Menschen, die uns am Herzen liegen, schenken können?

Vielleicht wissen Sie schon, worauf ich hinaus will. Wie wäre es mit der Kostbarkeit Zeit?

Wie…Zeit….? werden vielleicht manche innerlich denken. Ich komm ja so schon kaum rundum, und dann soll ich noch Zeit schenken…?!? Ja, genau. Das sollten wir. Vor allem dann, wenn wir viel zu oft keine Zeit haben.

Wie im letzten Artikel schon angeklungen ist, sind wir in unserer eigenen Zeit oft gar nicht daheim. Wir sind zuwenig wirklich anwesend in unserem Leben und damit in unserer Zeit. Noch weniger sind wir meist in den Leben unserer Lieben anwesend. Und damit meine ich wirklich anwesend, präsent, wirklich da. Doch das, was das Leben wirklich ausmacht, sind die Momente, die wir wahrhaft spüren. In denen wir uns in uns zu Hause fühlen, die Menschen um uns wahrhaft spüren und damit auch wieder die Nähe erlebbar wird, die für uns so wichtig ist.

Um jetzt den Bogen zu den Geschenken zu spannen: Wem könnten Sie in welcher Form Zeit schenken? Wenn Ihre Eltern noch leben, wann haben Sie das letzte Mal wirklich mit Ihren Eltern Zeit verbracht? Was würden Sie gern mal wieder mit Ihnen machen? Halten Sie Ihre Gedanken dazu fest.

Vor allem, wenn Ihre Eltern nicht mehr die Jüngsten sind, wird die Zeit mit Ihnen umso kostbarer. Meine Mama wird dieses Jahr an Sylvester 75. Das ist ein Dreivierteljahrhundert. Ein bereits langes gelebtes Leben. Wissen Sie denn, was Ihre Eltern für Träume hatten, als sie jung waren? Was hat sich davon verwirklicht und was nicht? Was sind die wichtigsten Dinge die sie in ihrem bisherigen Dasein gelernt haben? Welche Lektionen waren ihnen wertvoll?

Nehmen Sie sich Zeit und fragen Sie danach. Diese Antworten werden Ihnen mit Sicherheit neue Facetten zeigen und Ihnen persönlich wertvolle Anregungen für Ihr inneres Gedeihen geben können. Schenken Sie Zeit für solche Gespräche.

Oder mit Ihrer Partnerin/Ihrem Partner. Klar ist, dass zwischen tausend Verpflichtungen, Kindern, und anderen Obliegenheiten die Zeit für die Zweisamkeit oft zu kurz kommt. Doch lassen Sie mal das Jahr Revue passieren. Für was sind Sie Ihrer Liebsten/Ihrem Liebsten von Herzen dankbar? Was würde ohne sie/ihn nicht funktionieren, überhaupt nicht rund laufen, komplett schief gehen? Was sind die kleinen großen Dinge die Sie immer wieder, wie fast selbstverständlich, geschenkt bekommen? Wissen Sie wirklich, was in Ihren Liebsten gerade vorgeht? Welche Träume vielleicht grad begraben worden sind oder neu aufblühen? Was für Ängste und welche Freuden es gerade gibt?

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass wir unsere technischen Spielereien wie Handys, Palms usw. täglich synchronisieren um wieder einen einheitlichen Stand zu haben? Und was ist mit der Synchronisation in unseren Partnerschaften? Wie oft nehmen wir uns die Zeit dafür, wahrhaft nachzufragen und zuzuhören? Wie oft synchronisieren wir uns hier miteinander? Wie wäre es mit einem geschenkten Ritual dazu? Eine Zeittorte, die zu Weihnachten begonnen und dann in vielen kleinen Stücken während des ganzen nächsten Jahres genüsslich verspeist wird?

Diese Liste lässt sich natürlich noch fortsetzen. Denken Sie an Ihren engsten Freundeskreis. Wie wäre es mit einem kleinen gemeinsamen Fest? In meinem Freundeskreis gibt es die schöne Tradition sich am 26.12. bei einem Paar aus unserer Runde abends daheim zu treffen und gemeinsam zu essen. Und mit meiner ältesten Freundin treffe ich mich am 24.12. bevor wir beide zu unseren Familien gehen. Das ist eine uns lieb gewordene Tradition. Es ist meist nur ein Stündchen, doch für uns ein Moment des Innehaltens, der Freude über eine Kleinigkeit und vertrautes Zusammensein.

Und wie steht es mit Ihnen selbst? Wann haben Sie sich selbst das letzte Mal Zeit geschenkt? Vielleicht für eine entspannende Massage, ein gutes Buch, ein Saunabesuch, ein Bummel durch die Stadt, ein Stündchen im Cafe um in aller Ruhe Zeitung zu lesen und und und…. Auch das sind Geschenke, die eher mit Zeit als mit Geld zu begleichen sind.

Doch der Lohn ist eine Verlangsamung unseres Lebens, eine wahrhaft sinnliche Erfahrung, wenn wir uns wieder im Hier und Jetzt verorten und ein ruhiger werdendes Inneres. Sie brauchen die Kraft die Sie aus Ihrer Zeit schöpfen. Und Sie werden aus der Zeit Kraft schöpfen, die Sie sich selbst zugestehen und schenken. Niemand sonst kann das für Sie tun.

Wie wäre es also, wenn Sie dieses Jahr zumindest einen Teil der Geschenke, in Zeit ummünzen? Machen Sie sich doch mal Gedanken über eine solche Liste. Wem würden Sie denn gern Zeit schenken? Und was würden Sie in dieser Zeit gern machen?

Wie sehr wünsche ich Ihnen die Freude, die aus diesen Geschenken erwachsen wird. Sie wird länger anhalten als jede mit Geld zu bezahlende Kostbarkeit.