Armut und Not ist nicht das gleiche
8. November 2007, 13:38 Uhr
Das Titelzitat stammt von Danielle Mitterand, der Witwe des verstorbenen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand. Sie war diese Woche am Montag in Passau bei Menschen in Europa 2007 in der PNP Passau zu Gast.
Zusammen mit Frau Köhler und Frau Klausova diskutierten Sie, unter der wunderbaren Leitung von Alfred Biolek, zu verschiedensten aktuellen und persönlichen Themen.
Am meisten beeindruckt hat mich in der Runde Madame Mitterand. Sie ist trotz ihres hohen Alters immer noch sehr aktiv mit ihrer Stiftung zu Gange und engagiert sich weltweit. Sie erzählte von ihren Reisen in z. B. in das Amazonasgebiet und fand dort u.a. wirtschaftliche Verhältnisse von einem Bruttosozialprodukt von 0 vor. Doch die Menschen litten deswegen keine Not. Für unsere Verhältnisse ist das überhaupt nicht vorstellbar, nichts zu verdienen. Unsere automatische Schlussfolgerung ist, welche Not und welche Armut muss dort herrschen.
Weit gefehlt. Madame Mitterand berichtete von einem funktionierenden Sozialsystem, zufriedenen Menschen, die ihre Bedürfnisse im Tauschhandel erfüllen und keineswegs Not leiden, obwohl sie faktisch in materieller Armut leben. Im Gegenteil die Menschen fühlten sich reich.
Damit kam sie auch zum Kritikpunkt an den europäischen Systemen. Sie kritisierte, dass in Europa Geld das Zentrum der Welt ist. Und daran alles gemessen würde.
Im weiteren Verlauf gab es interessante Definitionen von Armut, die vor allem im westlichen Europa immer mehr um sich greifen. Und diese haben mich sehr nachdenklich gemacht:
Armut
- = keine Teilhabe an Bildung
- = keine Liebe zu erhalten
- = geistig unterernährt zu sein
- = durch Vernachlässigung
- = seelischer Natur
Vor allem beim letzten Punkt waren sich alle drei Damen einig. Wir verarmen seelisch, sind immer weniger in der Lage funktionierende Beziehungen aufzubauen und setzen den gefühlten Reichtum direkt mit unserem Bankkonto in Verbindung.
Wie geht es Ihnen damit? Fühlen Sie sich reich? Wenn nicht, an was liegt das? Mit was setzen Sie Ihren Wert in Verbindung?
Weitergefragt, geben Sie Ihren Reichtum weiter? Und damit meine ich jetzt alles außer Geld. Pflegen Sie Ihre Freundschaften und Beziehungen wirklich? Wenn nicht, was hält Sie davon ab?
Schenken Sie dem Gespräch das Sie gerade führen wirklich Ihre volle Aufmerksamkeit? Sind Sie anwesend oder abwesend?
Wie gehen Sie mit sich selbst um? Schenken Sie sich selbst liebevolle Aufmerksamkeit? Oder vernachlässigen Sie Ihre innersten Bedürfnisse?
Was können Sie jetzt in diesem Moment tun, um sich seelisch reich zu fühlen? Ihre Ideen dazu interessieren mich sehr. Lassen Sie uns teilhaben und schreiben einen Kommentar dazu.

Hallo Alexandra!
Es wundert mich nicht, dass ich den ersten Kommentar dazu schreibe, obwohl der Artikel schon über eine Woche online ist. Du stellst unbequeme Fragen. Das rührt an tiefen und wahren Wunden. Der waidwunde Mensch leckt die Wunden im Verborgenen und oberflächlich geht alles weiter wie gehabt. Irgendwann führt der Schmerz über die innere Armut zu einem Riss. Wahrscheinlich kennt jeder von uns die seelische Armut und vermeidet im Alltag, hinzuschauen.
Interessant auch, dass solche Veranstaltungen nur regional stattfinden und auch nicht zur Prime-Time im Fernsehen laufen.
Steuert unsere Gesellschaft auf einen Abgrund zu? Vielen Dank für den Denkanstoß, zwischen Armut und Not zu unterscheiden und die Brille abzusetzen: “Ich habe soundsoviel Einkommen, also bin ich nicht arm.”
Liebe Grüße, Claudia