Disziplinieren führt nicht zu Disziplin sondern nur zu Gehorsam

Diesen Satz habe ich heute in dem Hörbuch „Wie man sein Gehirn optimal nutzt“ von Prof. Gerald Hüther aufgeschnappt und denke seit dem darüber nach:

Disziplinieren führt nicht zu Disziplin sondern nur zu Gehorsam.

Bis jetzt erschien das als relativ klare Gleichung. Wenn ein Verhalten nicht so funktioniert, wird mit disziplinarischen Maßnahmen (verschiedenster Stufen) versucht, das Fehlende einzuüben. Ob das nun Englischvokabeln sind oder dass der Teller leer gegessen wird. Doch wenn wir mit disziplinieren auf andere Menschen einwirken, kommt eben keine Disziplin hinten bei raus, sondern eben nur Gehorsam.

Bildquelle: Daniel Stricker / pixelio

Wikipedia erklärt Gehorsam wie folgt:
Gehorsam bedeutet die Unterordnung unter den Willen einer Autorität, das Befolgen eines Befehls, die Erfüllung einer Forderung oder das Unterlassen von etwas Verbotenem.

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Das fühlt sich nicht so an, als ob das ein reiches Leben ergäbe.

Doch genauso versuchen wir uns auch selbst zu disziplinieren, in dem wir uns Vorsätze vornehmen, wie das berühmte regelmäßige Sport treiben oder weniger Süßes zu futtern. Doch das klappt nur bedingt und nach kurzer Zeit kehren wir zu unserer gewohnten Verhaltensweise zurück. Uns selbst zu disziplinieren führt eben auch nicht zu Disziplin.

Wo liegt hier der Hund begraben?

Im Prinzip ist die Lösung zu diesem Dilemma sehr einfach auf den Punkt gebracht. Gerald Hüther sagt dazu folgendes:

Nur wenn ein Mensch Sinn dem erkennt, was er machen soll, kann er hinreichende Selbstdisziplin entwickeln.

Erst die wahrhaftige, fühlbare Erkenntnis, dass es in der Tat nützlich ist, viele Worte zu haben, wenn ich in ein anderssprachiges Land fahre, wird mich dazu bringen, mehr und intensiver zu lernen.

Was dann passiert, ist das Erleben von Selbstwirksamkeit. Ich erfahre mich als jemand, der durch sein eigenes Tun etwas bewirkt. Und ich erfahre ebenso, wenn ich nicht alles Nötige dazu tue, erreiche ich meine Ziele eben nicht. Das ist der wichtige Knackpunkt.

Ich erlebe, dass es eine Wirkung auf mich und mein Leben hat, wenn ich etwas tue, ich ein Problem für mich löse, ich dran bleibe. Das ist das Gegenteil der in der Gehorsamsdefinition beschriebenen Ausrichtung nach außen. Selbstwirksamkeit lehrt mich, meine eigene Schöpferkraft zu erfahren.

Genau in diesem Spannungsfeld wird Selbstdisziplin entwickelt. Im Sinne von Willenskraft, die mich darin unterstützt, das zu erreichen was ich möchte.

Im pädagogischen Sinne, besteht daher, so Hüther, die einzige Möglichkeit darin, statt zu disziplinieren, einzuladen eine anspruchsvolle Aufgabe selbst hinzubekommen verbunden mit Sinnhaftigkeit für das eigene Erleben. Das ist das was wir Kindern und auch uns selbst bieten müssen.

Er spricht weiter davon, dass Kinder noch natürliche Tüftler und Entdecker sind, so sie denn dürfen, und in dem eigenen Leisten sich als selbstwirksam erleben. Spätestens mit dem Eintritt in die Schule wird’s da schon schwierig und das Disziplinieren tritt häufig an die Stelle von sinnhaft erlebten, selbst gewählten Aufgaben.

So sind viele Erwachsene von heute, ob nun mit oder ohne ADHS, vielfach nicht in der Lage eigenständig an langwierigen und schwierigen Aufgaben dranzubleiben. Sie hatten wenig Gelegenheit Selbstdiziplin zu erlernen, weil es wenig Raum für selbstgestaltendes und damit selbstwirksames Handeln gab und auch in ihren heutigen Jobs oft nicht gibt.

Ständig nur irgendwelchen Vorgaben folgen zu müssen, deren Sinn sich einem oft genug verschließt und eingebremst zu werden, sobald sich Kreativität und Ideenreichtum bei der Bewältigung von Problem in einem zeigen, lässt uns abstumpfen und zu reinen Befehlsausführern werden.

Das Traurige ist dabei, dass sich das auf alle Bereiche des Lebens überträgt und wir ein Leben führen, das aus Gleichförmigkeit zu bestehen scheint. Nur unterbrochen von gelegentlichem Aufbäumen und den Versuchen aus dem Trott auszubrechen.

Was ist hier eine gute Lösung?

So trübselig sich das alles anhören mag und wie wenig Gestaltungsmöglichkeiten wir in unseren Jobs auch haben mögen, es liegt an uns, ob wir unser Leben so dümpelig vergehen lassen wollen.

Denn eins ist mal sicher, wer abgestumpft und mit einer Portion Resignation durch’s Leben geht, wird in späteren Jahren keine Freude mehr an seinem Hirn haben. Denn was nicht genutzt wird, stellt nach und nach seinen Betrieb ein.

Wie ein zitierter Wissenschaftler in dem Hörbuch zu bedenken gibt:

Den meisten Menschen ist inzwischen klar, dass sie für eine Rente vorsorgen müssen. Und sie tun es. Sie sorgen VOR ihrer Rente dafür, dass sie später eine Rente haben werden. Gleiches gälte auch für unser Hirn. Wenn wir in späteren Jahren ein selbstbestimmtes und klar im Denken mögliches Leben führen möchten, entscheidet sich heute jeden Tag, ob das später so eintreffen wird. Also ob wir auch hier vorsorgen. Ganz bewusst unseren Geist wachhalten. Und das tun die wenigsten.

Und mit wachhalten ist jetzt nicht Gehirnjogging oder Sudoku gemeint. Das ist nett und kann Spaß machen, bringt aber für später nix.

Unser Gehirn braucht Probleme, die es lösen kann. Das ist sein Job. Und diese sollten wir ihm geben. Suchen Sie sich neue Themen für Ihr Leben. Ob das eine neue Fähigkeit ist, die Sie lernen z. B. klettern, eine neue Sprache, technische Modelle zu bauen, sich mit naturwissenschaftlichen Phänomenen auseinanderzusetzen oder was Sie sonst spannend finden.

Wichtig ist, dass das Thema Sie begeistert, so dass Sie einen Sinn darin sehen dranzubleiben, besser zu werden, Schwierigkeiten zu überwinden und nicht beim kleinsten Problem schon aufzugeben.

Sie trainieren dadurch Ihre Fähigkeit zur Willenskraft und erleben Ihre Selbstwirksamkeit. Eine der wichtigsten Fähigkeiten in unserer heutigen Welt.

Wer diese Fähigkeiten in sich aufbaut, wird ebenfalls erleben, dass sein Leben reicher wird. Kraft und Befriedigung daraus erwächst etwas zu lösen und hinzubekommen.

Denn mit Gehorsam führen Sie kein erfülltes Leben sondern ein unfreies. Und das macht auf Dauer krank.

Entscheiden Sie sich bewusst dafür, wieder zum Baumeister an Ihrem Leben zu werden und beginnen Sie noch heute sich Themen zu suchen, die Sie im wahrsten Sinne des Wortes beGEISTern!

Und ich bin sehr daran interessiert, wie Sie dieses Thema sehen und freu mich auf Ihre Kommentare.

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9 Kommentare zu “Disziplinieren führt nicht zu Disziplin sondern nur zu Gehorsam

  1. Das Hörbuch ist wirklich endgenial! Witzig und äußerst informativ.

  2. interessanter Artikel! habe auch schon festgestellt dass Jobs, die stark reglementiert sind, mir jegliche Kreativität rauben – und dann geht es ziemlich schnell in Richtung abgestumpft

  3. Hallo Alexandra! Wirklich ein toller Artikel. Ich werde mir bei Gelegenheit dieses Hörbuch auch mal anhören. Heute wird alles, bis ins Kleinste druch Vorschriften und Vorgaben geregelt. Man braucht sich wirklich nicht wundern, warum so viele Menschen heute unter Burnout oder Depressionen leiden.

  4. @Michaela
    Ja, das ist genau der Effekt. Man stumpft ab und deshalb ist es so wichtig auch immer wieder Lieblingsprojekte zu haben, bei denen mal viel lernen und daran wachsen kann. Und wachsen passt ja noch dazu ganz hervorragend zu deinem Job 🙂

    @Heike
    Freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat! Und das Hörbuch kann ich insgesamt nur sehr empfehlen. Es ist zudem unglaublich witzig teilweise und ich hab echt Tränen gelacht.

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