Die Würde des Menschen ist unantastbar

In einer Psychologie Heute ist ein Essay über Würde enthalten. Ein in unserer Zeit eher altertümliches Wort, das nur noch selten in den Mund genommen wird. Sehr schade, wie ich finde. Denn wollen wir nicht alle würdig behandelt werden? Mit Respekt, Achtung und Anerkenntnis? Und braucht es dafür im Gegenzug nicht auch von uns ein würdiges Verhalten?

Was ist denn Würde überhaupt? In unserem Grundgesetz ist im 1. Artikel der Satz verankert: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Sie scheint also etwas zu sein, dass jeder Mensch hat. Oder hat der eine weniger als der andere? Gestehen wir allen Menschen den gleichen Anteil an Würde zu oder sind manche würdiger als andere?

Eine Definition dafür zu finden, scheint schwierig zu sein. Es ist wahrscheinlich umgekehrt einfacher zu erkennen, wann eine Lebenssituation unwürdig ist und wann einem menschliches Dasein Würde fehlt. Die Frage ist dann, schauen wir hin oder möchten wir lieber nicht damit konfrontiert werden?

Arbeitslosigkeit scheint beispielsweise manches Mal ein Zustand zu sein, der ansteckend wirken könnte und dem man sich lieber nicht zu sehr in der Nähe aussetzen sollte. Traurigerweise ist das, was für jemanden in dieser Situation am wichtigsten wäre – ein soziales Unterstützungsnetz – immer öfter das, was als erstes auseinanderbricht.

Viele Menschen bleiben aus Angst vor einem Arbeitsplatzverlust in unwürdigen Arbeitssituationen und riskieren lieber krank zu werden, als möglicherweise auf die Abschussliste zu geraten. Die innere Anspannung die dadurch permanent verursacht wird, wirkt sich körperlich ebenso aus wie psychisch. Dadurch lässt die geistige Leistungsfähigkeit nach und es passieren unter Anspannung signifikant mehr Fehler und es werden mehr Fehlentscheidungen getroffen. All das führt zur einer Spirale, an deren Ende immer häufiger der seelische und körperliche Bankrott steht.

Innere Würde zu haben, heißt für mich daher auch, gut für mich zu sorgen. Denn Würde hat in meinem Verständnis einen untrennbaren Zusammenhang mit dem Wert eines Menschen. Dieser bemisst sich nicht nach Leistung, wie in unserer Zeit fälschlicherweise angenommen wird. Auch nicht nach dem richtigen Outfit, dem richtigen Job, den richtigen Leuten oder dem richtigen Wissen. Nein, des Menschen Wert ist nicht in Zahlen bezifferbar. Unser Wert hat nichts mit “richtig” zu tun, sondern mit unserem Dasein. Oder würden Sie dem einen Kind, das auf die Welt kommt einen Wert geben und dem anderen nicht?

Wie wertvoll sich selbst jemand einschätzt, ist oft daran erkennbar, was sich jemand alles gefallen und mit sich machen lässt. Doch wo ist die Grenze? Wann ist genug genug? Wann ist der Preis zu hoch? Und wieso schaffen es Menschen immer weniger, die innere Würde nach außen zu tragen und Einhalt zu gebieten?

Die Angst mit dem Job auch die komplette Lebensgrundlage zu verlieren, führt dazu, dass diese Grenze, wann genug genug ist immer weiter hinaus geschoben wird. Nach außen sichtbar bleibt, dass die Arbeit ja gemacht wird, dass es ja geht, dass es also gar nicht so schlimm sein kann. Die Latte wird dadurch unmerklich und stetig immer höher gelegt. Das Ende ist jedoch klar und absehbar. Es gibt kein ewiges höher, schneller, weiter.

Menschen, die den Glauben an sich selbst verlieren, verlieren damit auch das Gefühl einen Wert zu besitzen und treten ihre Würde noch gleich mit in die Tonne. Wo lässt sich hier gegensteuern?

Wenn ich mich recht erinnere, gibt es eine Fürsorgepflicht des Dienstherrn. Sollte daher nicht jeder und jede, der/die mit Menschen zu tun hat und für MitarbeiterInnen verantwortlich zeichnet auch die Würde des einzelnen im Blick haben?

Dazu ein Sprung nach Asien: Auch wenn Japan ein Land ist, dass durch Karoshi, den Tod aus Überarbeitung, traurige Berühmtheit erlangt hat, gibt es doch vieles in der dortigen Arbeitswelt was einen näheren Blick lohnt: In vielen traditionsreichen japanischen Unternehmen ist es immer noch verpflichtend, dass Manager eine Woche im Jahr an Arbeitsplätzen in der Produktion mitarbeiten, Maschinen reinigen und andere “niedere Dienste” machen.

Durch dieses wirkliche Mitarbeiten kann ursprünglich erfahren werden, wie es denn um die Arbeitsbedingungen tatsächlich bestellt ist. Beim mal schnell Durchlaufen durch den Betrieb ist das naturgemäß unmöglich feststellbar, geschweige denn erlebbar. Im Kaizen nennt man das auch Gemba (der Ort des Geschehens). Die erste Regel lautet immer, verschaff dir als Verantwortlicher selbst einen Eindruck und geh wirklich an den Ort des Geschehens. Wie können Sie sonst wirklich wissen, wie es ist, z.B. im Schichtdienst im Call-Center zu arbeiten, ständiger Lärmbelastung ausgesetzt zu sein, unendlich unverschämte Kunden am Telefon beschwichtigen zu müssen und und und.

Ein radikaler Ansatz, für den in unserer Arbeitssituation kein Platz ist? Das glaube ich nicht, sondern halte dagegen: Wie wäre es denn wenn die Zeit, die in Besprechungen ohne wirkliches Ergebnis abgesessen wird, dafür genutzt wird? Man neigt oft reflexhaft dazu, Neuerungen und radikale Ideen zunächst abzulehnen, weil sie einem fremd erscheinen. Doch bei näherem Überlegen, ließe sich das alles durchaus bewerkstelligen.

Um noch einen anderen Anreiz zu geben: Die Forschung zeigt immer wieder, dass zufriedene MitarbeiterInnen, die in Würde arbeiten können, loyaler sind, weniger krank, mehr messbare Leistung erzielen und sich für die Firma einsetzen. Und sollte das auch der einzige Beweggrund sein, etwas wirklich anzusehen und zu verändern, soll es mir recht sein, denn das Ergebnis wird allen zu gute kommen.

Vielleicht mögen Sie mal darüber nachdenken, wie es um die Würde an Ihren Arbeitsplätzen bestellt ist. Und ein Modell, das mir in dem Zusammenhang ebenfalls sehr am Herzen liegt, ist das bedingungslose Grundeinkommen, dass das Geldverdienenmüssen und die Würde des Menschen entkoppelt. Hier finden Sie einen sehr sehenswerten Film dazu.

Gern lese ich Ihre Gedanken zu diesem Thema und freue mich auf Ihre Kommentare.

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4 Replies to “Die Würde des Menschen ist unantastbar”

  1. Vielen Dank für diese Gedanken. Besonders gefällt mir die Idee, dass Manager 1 Woche im Jahr in der Produktion mitarbeiten. Zu Zeiten meiner Managementtätigkeit habe ich genau dies gefordert, bekam aber zu hören, das wäre zuviel Detail, welches den Blick verstellt. Eine Aussage, die ich für grundfalsch halte.

    Zum Anderen finde ich es sehr wichtig, dass jeder Arbeitnehmer seine Grenzen und Ängste kennt und sich nicht alles gefallen lässt. In diesem Zusammenhang finde ich das Büchlein “Who moved my Cheese” immer wieder sehr empfehlenswert. Denn dort geht es genau darum: “was würde ich tun, wenn ich keine Angst hätte”. Handelt man dann danach, ist es erstaunlich, wie viele neue Handlungsoptionen sich oftmals ergeben und wie positiv auch eine Veränderung sein kann.

  2. @judith
    Dank dir für den Hinweis auf den “umziehenden Käse” 🙂 Das Buch ist wirklich eine gute Metapher. Manchmal finde ich es schon sehr erschreckend, wieviel Angst in unseren Unternehmen herrscht. Wieviele Menschen jeden Tag mit einem mulmigen Gefühl in die Arbeit gehen. Allein der Umgangston ist oftmals schon sehr grenzwertig. Vielleicht bin ich altmodisch, doch für mich sind Werte ein wichtiges Maß. Wie wollen wir miteinander umgehen? Wertschätzend oder klassifizierend?

  3. Ich finde die Gedanken sehr gut, insbesondere die Ausführungen dazu, dass auch Manager oder Führungskräfte eines Industriebetriebs auch mal an der Machine arbeiten müssten. Das würde man sich in vielen Bereichen des Arbeitslebens wünschen. Der Blick für die Arbeit wird geschärft und die Probleme werden viel deutlicher. Man versteht die Abläufe besser und kann sich in die Lage des Arbeitenden hineinversetzen. Erst durch diese “Erfahrung” erfährt man doch die richtige Wertschätzung für das Geleistete. Und wer jemanden und etwas wertschätz, schafft es auch, die Würde zu achten. Nicht umsonst ist die Würde des Menschen ganz am Anfang des Grundgesetzes geregelt.
    Dabei darf man aber nicht vergessen, dass auch im privaten Lebensbereich die Würde eine enorme Rolle spielt und spielen muss. Denn das Verhalten im Arbeitsleben halte ich für eine Projektion des privaten Lebens. Wer im privaten Bereich sorg- und kompromisslos durchs Leben geht – um seiner eigenen Ziele Willen – lebt dies in der Arbeitswelt weiter, zum Leidwesen der Mitarbeiter. Würde leben und in Würde leben beginnt bereits in den eigenen vier Wänden.

  4. Pingback: WissensAgentur reloaded – ein Blick zurück

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