Die Brücke als letzter Ausweg

328304_golden_gate_fog.jpgDie Golden Gate Bridge übt auf viele Menschen eine große Anziehungskraft aus. Ein monumentales Bauwerk das San Franciso ein prägendes Gesicht verleiht.

Doch wussten Sie auch, dass im Schnitt alle 14 Tage ein Mensch von der Brücke in den Tod springt?

Und wussten Sie, dass von den Menschen, die vom Sprung durch Passanten abgehalten wurden, nur 6% noch einmal versuchten, sich das Leben zu nehmen?

Und nun kommt die Preisfrage: Wie oft glauben Sie, hat ein Passant jemanden angesprochen, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei?

Die Antwort auf diese Frage kann der Filmemacher Eric Steel geben. Er hat mit seiner Crew ein Jahr lang die Golden Gate Bridge von morgens bis abends gefilmt. Dabei konnten sie innerhalb eines Jahres nur zweimal beobachten, dass ein Passant jemanden ansprach, der augenscheinlich nicht OK aussah. Zweimal innerhalb eines Jahres.

Damit sind wir wieder beim Thema Bowling Alone angelangt, über das ich in einem meiner letzten Beiträge geschrieben habe.

Keine Zeit zu haben, sein Gegenüber wirklich wahrzunehmen. Jemandem tatsächlich ins Gesicht sehen und zu fragen “Hey, ist alles in Ordnung?” wenn er offensichtlich nicht so aussieht. Wann haben Sie das das letzte Mal gemacht?

Wir haben oft eine große Scheu davor, uns in das Leben anderer einzumischen. So empfinden wir es zumindest häufig, wenn wir jemanden ansprechen sollten. Doch richtiger ist wahrscheinlich, dass wir eher Angst vor Zurückweisung oder einem blöden Spruch haben. Hm, kann passieren, das ist richtig.

Nur, wenn wir kein Risiko mehr eingehen, werden wir uns immer mehr isolieren und vereinsamen. Menschlichkeit hat mit Mut zu tun. Auf jemanden zugehen, sich zu interessieren, etwas geben und manchmal einfach nur dasein. Das ist nicht viel und doch nicht leicht.

Wenn Menschen sich verschließen, werden sie häufig mürrisch und abweisend. Das ist für das Gegenüber oft nicht nett und macht nicht wirklich Spaß. Daraus entwickeln sich schnell Vorurteile und Desinteresse.

Doch was wäre, wenn Sie als Vorgesetzter dies bei Mitarbeitern bemerken und die Menschen ansprechen würden. Sie einfach zu fragen: “Ich habe den Eindruck in Ihrem Leben ist im Moment eine ganze Menge los. Was kann ich für Sie tun?”

Oder unter Kollegen: “Ist alles in Ordnung mit Ihnen/dir? Ich hab das Gefühl, dass Sie/dich etwas seit längerem belastet. Wenn Sie/du einen Zuhörer brauchen/brauchst, mache ich das gern.”

Wenn Sie darauf einen ablehnenden Satz zu hören kriegen, seien Sie nicht beleidigt und beziehen das ganze auf sich. Es ist Ihnen bestimmt auch schon so ergangen, dass Sie in Situationen feststecken und auf Hilfsangebote erstmal mal abweisend reagieren.

Denn das ist die andere Seite der Medaille. Wir tun uns oftmals so schwer damit, Hilfe anzunehmen. Damit stehen wir in der Schuld des anderen, sind das nicht wert und vieles mehr geht uns da unbewusst durch den Sinn.

Was sollten wir nun daraus lernen, dass 94 % aller “Springer” von einem zweiten Versuch abgehalten werden können und das im Kleinen wie im Großen gilt?

Nun ich denke, es sind diese beiden Dinge:

  • Seien Sie aufmerksam für die Stimmungen anderer Menschen und sprechen Sie sie an, wenn Sie den Eindruck haben, dass etwas nicht stimmt.
  • Lernen Sie selbst, Hilfe anzunehmen. Das wird Ihnen persönlich sehr gut tun und Ihre Gewissheit stärken, dass alles zu bewältigen ist, da Sie nicht allein sind.

Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Ich freue mich über jeden Kommentar.

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11 Replies to “Die Brücke als letzter Ausweg”

  1. Gelebtes Christentum. Jesus sagte: Was Du einem geringsten in Deiner Nähe getan hast, das hast Du mir getan.

    Der Kirchentag in Köln hat auch meine Sinne wieder für diese Schwingungen zwischen den Menschen geschärft.
    Gut, dass es auf allen Ebenen Kreise zieht – auch und sogar in der Arbeitswelt. Die Segmentierung des Lebens war keine gute Idee.

    Ich hoffe, dass Dein Beitrag und viele ähnliche Beiträge wieder den Blick schärfen für das Wesentliche im Leben: die Mitmenschen, die Nächsten und sogar die Feinde, denn jeder Mensch hat eine Geschichte, ein eigenes Leben. Es kommt auf die Beziehungen dazwischen an.
    LG, Claudia

  2. hallo alexandra,

    sehr interessanter und bewegender bericht.

    ja, es stimmt!

    unsere gesellschaftbewegt sich immer mehr in richtung scheuklappen-denken, ob das aber gut ist, wäre anzuzweifeln. wenn jeder nur ein bisschen mehr “miteinander” leben würde, wäre das leben sicher einfacher.

    gruss ludwig

  3. @ihr beide
    den Blick schärfen für das Wesentliche im Leben, ein wenig mehr “miteinander” leben… das sind wohl die wichtigsten Dinge im Sinne der Menschlichkeit.

  4. Ich meine mich zu erinnern, dass ich in einer Radiosendung einmal einen Bericht über einen Menschen gehört habe, der auch von der Golden Gate Bridge gesprungen ist und überlebt hat. Er sitzt nun im Rollstuhl und versucht mit seiner Geschichte, Menschen vom Selbstmord abzuhalten. Was mich in am meisten schockiert, verwundert, berührt (ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll) war seine Aussage: “In dem Moment, als ich gesprungen bin, wußte ich, jetzt hast Du einen Fehler gemacht.”

  5. Über diesen Menschen bin ich in einer Zeitschrift gestolpert. Mir ist der gleiche Satz im Ohr hängengeblieben… Die Geschichte hat übrigens ein fast schon mystisches Ende. Denn er hätte sich nicht allein über Wasser halten können und er wusste, sein Rücken ist gebrochen und seine Beine gefühllos. Doch er merkte, dass ich ihn etwas gestupst und über Wasser gehalten hat, bis das Rettungsboot bei ihm war.

    Nach einigen Jahren hat er einen Brief mit einem Foto geschickt bekommen. Ein Unbekannter hatte ihn im Wasser fotografiert. Auf dem Bild sieht man einen Seehund, der ihn über Wasser hält. Ist das unglaublich?

  6. Als Mann und erstgeborener käme es für mich nie in Frage jemanden um Hilfe zu beten. Da stell ich mir den Tod angenehmer vor, als als Schwächelnd wahrgenommen zu werden. Andererseits werde ich von meinem Umfeld auch so wahrgenommen, es traut sich nur keiner mich darauf anzusprechen, weil sie wissen: als Mann und erstgeborener….ein Teufelskreis.

  7. @max
    Es ist die große Illusion unserer Zeit, dass wer um Hilfe bittet schwach ist. In meinen Augen ist jemand der um Hilfe bittet, sehr mutig. Denn natürlich ist damit auch das Risiko der Ablehnung verbunden. Doch meiner Erfahrung nach, bekommt jemand der aufrichtig um Unterstützung bittet, diese auch gern und wird in keinster Weise als schwach gesehen. Und meist dafür sogar bewundert.

    Es lässt sich auch anonym um Hilfe bitten. Vielleicht ist das ein Schritt, der möglich ist. Eine eMail-Adresse aus dem Internet mit einem Kunstnamen verschafft hier schon Möglichkeiten. Auch die Hilfstelefonnummern von Diakonie usw. können anonym genutzt werden.

    Das Leben ist ein Geschenk. Jeder neue Tag an dem man aufwacht, ist ein Geschenk. Und dieses Geschenk genießen zu können und es richtig auszupacken sollte große Freude machen. Manchmal braucht man einfach andere Menschen, um das Geschenk des Lebens annehmen zu können. Jeder sollte sich diese Hilfe gönnen. Auch meine eMail-Adresse steht denjenigen offen, die gern das Geschenk des Lebens richtig öffnen möchten. Wenn der erste Schritt gemacht ist, fallen die nächsten leichter. Seien Sie mutig, es ist zu schaffen.

  8. Ich habe noch eine andere Meinung zum Thema gehört, die (noch?) nicht die Meine ist:

    Selbstmord ist ein Akt der Selbstbestimmung. Unsere Gesellschaft kann ganz schwer mit dem Selbstmord umgehen, wie überhaupt mit dem Tod.

    Darf man einen potentiellen Springer vom Sprung abhalten? Oder ist das ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des anderen? Wäre der Selbstmord im universellen Zusammenhang gesehen vielleicht die beste Lösung und nimmt man dem potentiellen Selbstmörder diese EINE Chance, das Richtige zu tun, auch wenn es aus Sicht unserer Gesellschaft nicht so aussieht? Würde der Suizid-Gefährdete noch einmal springen oder hat man ihm durch das “Einmischen” den Mut dazu für immer genommen? Wie weit darf man sich einmischen?

    Und: es gibt angeblich einige Naturvölker, in denen es Usus ist, dass sich die Alten und Schwachen von Tieren reißen lassen – sprich: Selbstmord begehen. Auch in der Natur soll Selbstmord sehr verbreitet sein (mir fallen da nur die Lemminge ein)

    – Wie gesagt, dies ist eine Meinung eines Anderen, mit dem ich mal über diesen Artikel und das Thema Selbstmord gesprochen habe.
    Es sind AUCH sinnvolle Aspekte dabei. Vor allem das große Tabuthema Tod und Selbstmord. Und dass nicht notwendigerweise MEINE Bewertung die RICHTIGE Sichtweise sein muss.

    LG, Claudia

  9. Pingback: WissensAgentur reloaded – ein Blick zurück

  10. Sehr gut geschriebener Artikel und sehr wichtiges Thema. Was mich aber bis zur letzten Zeile nicht losgelassen hat. Hat die Filmcrew eigentlich eingegriffen? Oder haben die dann einfach weitergefilmt während Menschen runtergesprungen sind? Nach der Beschreibung wären das 26 Menschen. Und wenn nicht, wie kann man so einen Job machen.? Sehr nachdenkliche Grüße

  11. @Andrea
    Genau die gleichen Gedanken sind mir auch durch den Kopf gegangen. Leider habe ich bei meiner Recherche zum Artikel damals keine näheren Informationen herausbekommen. Soweit ich das noch recht in Erinnerung habe, war die Aktion ursprünglich als Jahreszeitraffer für die Brücke gedacht und die “Springer” wurden dann quasi eher durch Zufall (wenn man das mal so bezeichnen will) im Filmmaterial entdeckt.

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