Bist du echt oder spielst du eine Rolle?

Bist du echt oder spielst du eine Rolle-

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Wenn du durch deinen Tag gehst, begegnest du verschiedenen Menschen zu allen möglichen Gelegenheiten. Wer bekommt dich von welcher Seite zu sehen? Bei wem bist du stark, bei wem bist du wehleidig, bei wem bist du lieb?

Wir alle machen es ständig. Wir spielen Rollen, wir passen uns an. Es ist fast so, als ob es eine Fernbedienung in uns gibt, die automatisch auf einen anderen Kanal schaltet, so bald wir es mit anderen Menschen zu tun haben.

Manchmal geht das automatisch ohne das wir es wollen und manchmal schalten wir bewusst um. Es ist zu manchen Zeiten, als ob wir permanent auf Dienstreise sind und nie zuhause. Nie in uns wirklich zuhause. Beschäftigt damit nach außen jemand zu sein. Ganz verschiedene Jemande, je nachdem wer uns gegenübertritt.

Wer bist du?

Wir sind die Schauspieler in unserem Stück. Fatalerweise wird uns das oft nicht mal bewusst. Es ist so automatisiert, dass wir uns anpassen, wie ein Chamäleon seine Farbe wechselt.

Wer sind wir wirklich? Welche von diesen ganzen Rollen ist tatsächlich unsere eigene? Wissen wir noch, wie wir eigentlich sind? Gibt es das überhaupt dieses Echt-Sein? Diese viel beschriebene Authentizität?

Ich glaube ja und nein. Denn wir entwickeln uns in unserem Leben (im besten Falle) und unsere Echtheit ist nichts festgeschriebenes. Wir sind nicht mehr der Mensch, der wir noch vor 5 Jahren waren.

Wann bist du echt?

Doch es gibt ein Echtfühlen. So würde ich das zumindest beschreiben. Momente in denen man sich ganz in sich zuhause fühlt. Entspannt ist in der Gegenwart anderer Menschen. Seine mentalen Schutzschilde herunterlässt und nicht jedes Wort abwägt, bevor man es ausspricht.

Es sind diese kostbaren Momente, in denen man still sein kann ohne das Gefühl zu haben, andere unterhalten zu müssen. In denen man sich nichts dergleichen fragt, was mit einer Verpflichtung anderer gegenüber zu tun hat. Im puren Sein. Dort sind wir echt.

Diese Momente kann es in jedem Lebensbereich geben. Ob in der Arbeit, in der Partnerschaft, mit Freunden oder allein mit sich in der Natur. Und wir sollten sie bewusst suchen und sammeln diese Momente.

Anpassen ist teuer

Denn Rollen spielen laugt uns aus. Anpassen ist unfassbar erschöpfend. Es kostet soviel Kraft und wir merken es oft nicht mal, weil es so automatisiert ist.

Wir passen uns an, weil es einfacher zu sein scheint, weil es gewohnt ist, weil wir keinen Unfrieden riskieren wollen, weil wir uns nicht unwohl fühlen möchten, weil wir niemanden vor den Kopf stoßen wollen, weil wir so erzogen worden sind etc. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Die Rollen-Schmieden

Inzwischen kommt es mir oft vor, als ob es kollektive Erwartungen gibt, die wir zu erfüllen haben. Das erste Kollektiv ist dabei die Familie. In der wir schon ganz früh lernen, welche Rollen dort gespielt werden und was unsere eigene dabei ist.

Die Zeit in der Schule bringt uns bei, welche Rolle wir dort zu spielen haben oder wir erleben uns dabei, dass wir nicht fähig sind, eine Rolle einzunehmen mit der wir gut über die Runden kommen. Oder vielleicht sind wir auch “gebucht” auf die Rolle des ewigen Verlierers oder Rebellen oder hübsche Prinzessin, häßlicher Schwan.

Und so geht es voran im Leben. Wir setzen oft unsere Kindheitsrollen fort. Stellen sie nicht in Frage, weil wir sie vielleicht auch gar nicht sehen. Sie sind wie Kontaktlinsen durch die wir hindurch sehen und die dazu gemacht sind, dass wir sie nicht wahrnehmen.

Gibt es dich dann noch?

Doch was passiert mit uns, wenn wir unser Leben auf diese Art verbringen? Wenn wir nur Rollen spielen und uns anpassen? Welches Leben leben wir da überhaupt?

Interessanterweise sagen Menschen die in einen Burnout rutschen häufig, dass sie überhaupt nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind. Sie haben sich auf dem Weg verloren.

Auf dem Weg es anderen recht zu machen, alle Erwartungen zu erfüllen (die fremden und die eigenen), sich ständig anzupassen an die vermeintlichen Erfordernisse und sich stets selbst gepusht haben um es zu schaffen. Das ist das Gegenteil von Echtsein.

Wie ist dieses Echtsein?

Menschen die ihr Echtsein mehr leben als andere, haben die Verbindung zu ihrem inneren Kern. Diese Verbindung stellt in gewisserweise sicher, dass sie nicht über ihre Grenzen gehen und sich komplett erschöpfen. Sie haben sich selbst im Blick.

Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Im Gegenteil, es ist unabdingbar für unsere körperliche und seelische Gesundheit uns selbst im Blick zu haben. Unsere Echtheit zu spüren und nah mit ihr in Kontakt zu sein.

Welche Rollen spielst du?

Auf welche Rolle bist du programmiert? Was spielst du immer wieder im Theater deines Lebens? Mach dir mal darüber Gedanken in einer ruhigen Minute.

Denk über Situationen nach, die du immer wieder erlebst und schau dir von außen an, welche Rolle du dort gewohnt bist zu spielen. Schau wie ein Zuschauer auf dein Stück. Bei welchen Menschen spielst du welche Rollen? Wo passt du dich immer wieder an? Wann passiert das ganz automatisch? Wo entscheidest du dich bewusst?

Die Preisfrage: Wo bist du echt? Was davon bist du wirklich? Wie fühlst du dich in den Situationen? Was erschöpft dich? Was entfernt dich von dir? Was laugt dich aus?

Die Rolle meines Lebens

Seit dem ich denken kann, war ich auf die Rolle programmiert, dass ich immer irgendwie eine Antwort weiß, wenn andere ein Problem haben. Dass ich stark bin und andere unterstützen kann. Dass ich lustig bin und andere in eine bessere Stimmung bringen kann.

Das ist eine Rolle, die einem selbst unheimlich viel geben kann. Auch im Sinne von Macht, Ansehen und Kompetenz. Es ist allerdings auch gefährlich sich darauf zu abonnieren, denn es führt dazu, dass man so etwas wie der Kummerkasten der Nation wird. Dass man um Hilfe gebeten wird in allen möglichen Lebenslagen.

Ablehnen gehörte zu meiner Rolle nicht dazu. Denn diese Rolle macht abhängig. Von dem Gefühl wichtig zu sein und gebraucht zu werden. Dem Gefühl eine Berechtigung im Leben zu haben. Nein zur Hilfestellung zu sagen, hätte Ablehnung bedeutet und das hätte meine Berechtigung in Frage gestellt.

Auf eine Rolle abonniert zu sein, hat jedoch massive Nachteile. In meinem Fall war es so, dass ich selbst nie um Hilfe gebeten habe. Diese Möglichkeit war in meiner Rolle nicht angelegt. Ich bin schlichtweg gar nicht auf diese Idee gekommen.

Was dazu geführt hat, dass ich mich selbst erschöpft habe. Mir selbst verwehrt habe gut für mich zu sorgen und um Hilfe zu bitten und anzunehmen, wenn ich sie gebraucht hätte.

Als mein Vater starb bin ich vollkommen zusammen geklappt und es hat Jahre gedauert, bis ich wieder richtig auf deine Beine kam.

Meine Schwester sagte damals zu mir: “Ich hätte nie gedacht, dass ich dich einmal schwach erlebe. Das schockiert mich total. Du warst immer die Starke.” Und dabei war ich mit Abstand die Jüngste in der Familie. Doch ich hatte diese Rolle der Starken früh angeboten bekommen und hatte angenommen. Über viele Jahre.

Es war ein steiniger Weg für mich zu lernen um Hilfe zu bitten und sie anzunehmen, doch nur wer sich eingesteht, dass er nicht mehr echt ist im Leben, kann erkennen, was zu tun ist, um das zu ändern.

Wahrhaft leben

Echtsein erfordert Mut. Angepasst zu sein und eine Rolle zu spielen ist oft einfacher. Einfacher aus dem Grund, weil es weniger Widerspruch hervor ruft, weniger Gegenwind. Doch auf lange Sicht ist es für uns die schlechteste Wahl.

Wer aufhört eine Rolle zu spielen und anfängt immer öfter echt zu sein, wird mehrere Dinge erleben. Zum einen tatsächlich Widerstand und Unwohlsein, weil Ablehnung oft das erste Mittel der Wahl ist von anderen Menschen, wenn sich jemand beginnt echt zu zeigen. Das macht denjenigen Angst, die selbst noch nicht so weit sind.

Doch es passiert auf der anderen Seite, dass plötzlich Verbindungen entstehen und sich vertiefen, weil man plötzlich echt ist. Die Wahrheit ist, dass eine wirkliche Verbindung erst dann entstehen kann, wenn man echt ist und sich dadurch verletzlich zeigt. Das macht uns menschlich. Rollen machen uns unmenschlich.

Es kann wie ein Reinigungsprozess sein mit den Menschen um einen herum. Man wird zwangsläufig einige von ihnen verlieren, doch die Tiefe der Verbindung mit denen die bleiben wird umso stärker.

Sei dir selbst treu

Dich selbst zu verleugnen nur um Menschen in deinem Leben zu halten und zufrieden zustellen, wird zu großem Bedauern führen an deinem Lebensende. Das kann ich dir garantieren. Echt zu sein und wahrhaftig zu leben wird dagegen dein Leben bereichern und ihm Tiefe schenken.

Und glaub mir, du hast jedes Recht dazu echt zu sein in deinem Leben. Mach dich auf den Weg zu dir. Bewege dich in deine Richtung. Verbinde dich mit deinem Kern. Lebe dein Echtsein.

2 Replies to “Bist du echt oder spielst du eine Rolle?”

  1. Liebe Alexandra, danke für diesen ehrlichen und authentischen Beitrag! Deine Verletzlichkeit und deine (vermeintlichen) Schwächen machen dich stark und so sympathisch.

  2. Lieber Georg, hab vielen Dank für deine lieben Zeilen! Es wärmt mein Herz, soviel Lob zu lesen. Frohe Pfingsten!

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